{"id":131,"date":"2021-07-22T11:00:00","date_gmt":"2021-07-22T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=131"},"modified":"2023-02-08T11:01:29","modified_gmt":"2023-02-08T11:01:29","slug":"so-lief-unsere-forschung-oder-eine-umfrage-als-meme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2021\/07\/22\/so-lief-unsere-forschung-oder-eine-umfrage-als-meme\/","title":{"rendered":"So lief unsere Forschung, oder: eine Umfrage als Meme"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Viktor Burgi<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Freitagnachmittag im Dezember 2019, als wir das erste Mal die Aktivist*innen der D\u00fcsseldorfer \u201eFridays for Future\u201c-Bewegung treffen. Wir warten in der K\u00e4lte vor dem Jugendkulturcaf\u00e9 Franzmann in der D\u00fcsseldorfer Innenstadt, w\u00e4hrend drinnen das Plenum der Ortsgruppe begonnen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWissen wir, was wir sagen wollen? Laura und Viviana stellen das Projekt vor, oder?\u201c \u2013 \u201eJa, genau.\u201c \u2013 \u201eOkay, dann rein.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9 ist es wohlig warm. Etwa zwei Dutzend Personen zwischen 15 und 25 Jahren sitzen in einem Kreis und diskutieren miteinander. Es ist die D\u00fcsseldorfer Ortsgruppe von Fridays for Future. F\u00fcr die Aktivist*innen geht ein anstrengendes Jahr zu Ende. Nachdem die Bewegung im Fr\u00fchling 2019 immer gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit erregte, sahen die Aktivist*innen sich auch starker Kritik ausgesetzt. Mit zunehmender Dauer der Bewegung kam in der Politik aber niemand mehr am Thema Klimaschutz vorbei. Doch nachdem sie das ganze Jahr freitags auf die Stra\u00dfe gegangen sind, reden Ende 2019 Teile der Bewegung von einer <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/fridays-for-future-klimastreik-aktionstag-bewegung-1.4703586\">Ersch\u00f6pfung<\/a>. Wie es 2020 weitergeht, ist ungewiss.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Gesamtsituation treffen wir die Aktivist*innen und erl\u00e4utern ihnen unser <a href=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/index.php\/2020\/06\/30\/fridays-for-future-meets-citizen-science-wissenschaft-fuer-buergerinnen\/\">Forschungsprojekt<\/a>, das bis Mitte 2021 dauern soll. Sie sollen als Mitforschende in einem Citizen-Science-Projekt dabei helfen, ihre eigene Bewegung zu erforschen. Die Bereitschaft, sich als Citizen Scientists zu beteiligen und \u00fcber 18 Monaten an dem Projekt teilzunehmen, ist gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute, \u00fcber 18 Monate sp\u00e4ter, ist das Forschungsprojekt beendet. Nur durch das gro\u00dfe Engagement der Mitforschenden von Fridays for Future konnten wir \u00fcber 500 Personen quantitativ befragen, 13 qualitative Interviews f\u00fchren und 7 Beobachtungen von FFF-Ortsgruppen und Konferenzen durchf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was genau haben wir untersucht? Und wie haben wir das gemacht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erhebungsphase im Citizen-Science-Projekt: Wie forscht die Politikwissenschaft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben die Mitforschenden von Anfang an in alle Erhebungsschritte mit einbezogen. Im Sommer einigten wir uns mit ihnen als erstes auf eine Forschungsfrage: Wie laufen Entscheidungsprozesse innerhalb von Fridays for Future ab? Danach ging es um die Methoden, mit denen wir diese Forschungsfrage untersuchen k\u00f6nnten. Die Antwort lag nicht auf der Hand, denn alle Erhebungsmethoden haben Vor- und Nachteile. Wir haben uns dann f\u00fcr ein sogenanntes Mixed-Methods-Design entschieden, um die Entscheidungsprozesse innerhalb von FFF zu untersuchen. Das hei\u00dft, wir wenden eine Kombination verschiedener Verfahren an: Befragungen, Beobachtungen und Interviews. Dies ist aufwendiger, als nur eine Methode zu benutzen \u2013 aber es ist auch besser: Denn die einzelnen Verfahren haben jeweils Vor- und Nachteile, die sich gegenseitig ausgleichen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Online-Befragungen erreicht man zum Beispiel mehrere hundert oder tausend Personen. Und eine gro\u00dfe Stichprobe ist besser als eine kleine, weil sie aussagekr\u00e4ftiger ist. Bei einem zehnmin\u00fctigen Fragebogen kann man aber nicht sehr in die Tiefe gehen. Und es ist schwerer, Motive und Gr\u00fcnde f\u00fcr die Einstellungen oder Handlungen von Personen zu untersuchen. Manchmal w\u00fcrden wir in den Sozialwissenschaften gerne den Teilnehmenden \u00fcber die Schulter schauen und sagen: \u201eStopp! Warum haben Sie A angekreuzt und nicht B? Und was ist mit C?\u201c. Oder im Nachhinein h\u00e4tte man zu einem bestimmten Punkt gerne noch mehr erfahren. Aber ist die Umfrage einmal im Feld, kann man nichts mehr ver\u00e4ndern. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/na-klar-brudi.jpeg\" alt=\"Ein Aktivist antwortet auf unsere Anfrage, die Umfrage zu verbreiten mit &quot;na klar brudi&quot;.\" class=\"wp-image-2306\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">W\u00e4hrend wir auf unsere Anfragen h\u00e4ufig gar keine Antwort bekommen haben, nahm dieser Aktivist im Chat mit uns die ganze Sache relativ entspannt auf.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die M\u00f6glichkeit, tiefgehender zu erheben, ergibt sich bei qualitativen Interviews und Beobachtungen. Mit einem zuvor konzipierten Beobachtungsbogen haben die Mitforschenden und wir Treffen von Ortsgruppen und der w\u00f6chentlichen Delegierten-Telefonkonferenz beobachtet. Da sind wir jedoch nur neutrale Beobachter:innen und stellen keine Zwischenfragen. Das ist ein klarer Vorteil eines qualitativen Interviews. Hier k\u00f6nnen wir nachfragen. Aber diese Interviews haben bei uns ebenso wie die Beobachtungen zwischen 30 und 90 Minuten gedauert, sind also mit hohem Zeitaufwand verbunden. Daher liegt die Zahl der Beobachtungen bei 7 und die der interviewten Personen bei 13. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Vergleich: In der f\u00fcnfw\u00f6chigen Feldphase der Umfrage haben wir 507 Personen erreicht, die unsere Umfrage abgeschlossen haben. Aber wie haben wir diese Umfrage konzipiert? Aus den qualitativen Interviews haben wir Kategorien und wichtige Punkte ermittelt, die wir abfragen mussten, um die Ergebnisse aus den wenigen Interviews auf die Bewegung verallgemeinern zu k\u00f6nnen. Wir wollten unter anderem herausfinden, welche Faktoren und Eigenschaften es wahrscheinlicher machen, dass es zu bestimmten Entscheidungen kommt und zu anderen nicht. Daraus haben wir Fragen f\u00fcr den Fragebogen entwickelt und die Umfrage konnte beginnen. Jetzt mussten wir den Link nur noch an m\u00f6glichst viele Personen schicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 2020 hatten wir bereits eine <a href=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/index.php\/2020\/07\/27\/fridays-for-future-in-zeiten-von-corona-was-die-pandemie-fuer-unsere-forschung-bedeutet\/\">Online-Erhebung<\/a>&nbsp;unter FFF-Aktivist:innen durchgef\u00fchrt, diese&nbsp;sp\u00e4ter bei einer wissenschaftlichen Konferenz <a href=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/index.php\/2020\/10\/23\/festival-fuer-politik-nerds-bericht-von-der-ecpr\/\">vorgestellt<\/a>&nbsp;und dann&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nomos-elibrary.de\/10.5771\/2196-3886-2020-2-261.pdf?download_full_pdf=1\">publiziert<\/a>. Damals haben wir eine vorgeschriebene Whatsapp-Nachricht an m\u00f6glichst viele Admins von Whatsapp-Gruppen von FFF geschickt und diese gebeten, die Nachricht weiterzuleiten. Das war recht aufw\u00e4ndig: Meistens antworteten die Admins nicht, und wenn sie antworteten, hatten sie wenig Lust, die Nachricht einer fremden Person in die eigene Gruppe zu posten. Daher mussten wir sehr viele Ortsgruppen bzw. Personen anschreiben. Parallel haben wir E-Mails an alle Arbeitsgruppen von FFF geschickt. Per Mail kam eine einzige (!) Antwort mehrere Monate sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bem\u00fchungen haben sich also nicht sehr gelohnt im vergangenen Jahr. Sehr hilfreich war dagegen, dass die Mitforschenden der OG D\u00fcsseldorf die Nachricht auch verbreitet haben. Immer wenn sie den Link zu unserer Umfrage in ihre Gruppen, etwa die bundesweite Delegiertengruppe, geschickt haben, konnten wir sehen, wie unsere Teilnahmezahlen gestiegen sind. Nach vier Wochen hatten wir 103 Personen erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Umfrage mit Meme-Charakter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrungen aus 2020 waren in diesem Sommer 2021 f\u00fcr die gro\u00dfe Erhebung aber von Vorteil. Wir haben daraus Lehren gezogen und konnten zielgerichteter und effektiver arbeiten: Wir haben aus der Liste der \u00fcber 650 <a href=\"https:\/\/fridaysforfuture.de\/regionalgruppen\/\">Messenger-Gruppen<\/a> von FFF aus ganz Deutschland zuf\u00e4llig 500 gezogen. Das war unsere Stichprobe. Diese 500 Gruppen haben wir dann&nbsp;\u00fcber Whatsapp und Telegram angeschrieben und die Admins gebeten, den Link zur Umfrage in ihre Gruppe weiterzuleiten. (Meistens k\u00f6nnen nur Admins in den Gruppen schreiben, nicht die normalen Mitglieder.) Dabei haben uns die Mitforschenden auch durch eigene Nachrichten geholfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach etwa drei Wochen haben wir dann schon fast Meme-Charakter entwickelt:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Umfrage-Meme-Charakter-e1626885687353-1024x984.jpg\" alt=\"Ein Chatverlauf mit einem Aktivisten der OG K\u00f6ln, der schreibt: &quot;Ist euch eigentlich klar, dass ihr mit der Umfrage fast schon Meme-Charakter in FFF bundesweit habt?&quot;\" class=\"wp-image-2299\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Screenshot aus einem Chat-Verlauf mit einem Aktivisten der Ortsgruppe K\u00f6ln, der unserer Umfrage &#8222;fast schon Meme-Charakter&#8220; attestiert.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wollten wir niemandem auf die Nerven gehen. Aber es war insofern ein positives Zeichen, als dass es zeigt, dass wir viele bei FFF erreicht haben. Und es hat sich gelohnt: Wir haben 507 Teilnehmer:innen bei&nbsp;unserer Umfrage gez\u00e4hlt. Diesen Datensatz werten wir in den kommenden Monaten f\u00fcr eine Publikation \u00fcber Entscheidungsprozesse bei FFF aus. Mit finalen Ergebnissen rechnen wir also erst 2022. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn es lang erscheinen mag: Im wissenschaftlichen Arbeiten sind das v\u00f6llig normale Zeitr\u00e4ume. Aber das bedeutet nicht, dass wir noch nichts zu berichten h\u00e4tten: Ein paar vorl\u00e4ufige Ergebnisse haben wir bereits bei unserem Abschlussevent <a href=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/index.php\/2021\/06\/23\/projektende-spannende-diskussionen-und-citizen-science-beim-abschlussevent\/\">vorgestellt<\/a>. Sie gliedern sich in die Kategorien <em>Basisdemokratie<\/em>, <em>informelle Hierarchien<\/em> und <em>personenbezogene Faktoren<\/em>. Gemeinsam mit unseren Mitforschenden arbeiten wir gerade an einer Darstellung dieser Ergebnisse. Wir&nbsp;werden sie im August hier auf diesem Blog und bei Instagram ver\u00f6ffentlichen.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Viktor Burgi Es ist ein Freitagnachmittag im Dezember 2019, als wir das erste Mal die Aktivist*innen der D\u00fcsseldorfer \u201eFridays for Future\u201c-Bewegung treffen. Wir warten in der K\u00e4lte vor dem Jugendkulturcaf\u00e9 Franzmann in der D\u00fcsseldorfer Innenstadt, w\u00e4hrend drinnen das Plenum der Ortsgruppe begonnen hat. \u201eWissen wir, was wir sagen wollen? 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