{"id":1777,"date":"2026-03-09T14:33:11","date_gmt":"2026-03-09T13:33:11","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=1777"},"modified":"2026-03-10T09:26:24","modified_gmt":"2026-03-10T08:26:24","slug":"vertrauen-oder-misstrauen-wir-der-klimawissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/03\/09\/vertrauen-oder-misstrauen-wir-der-klimawissenschaft\/","title":{"rendered":"Vertrauen oder Misstrauen wir der Klimawissenschaft?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Welches Bild \u00fcbermitteln uns die sozialen Medien? Wie h\u00e4ngt das mit der AfD zusammen und was sagen uns die tats\u00e4chlichen Zahlen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>von Oliver Jahnecke, Lea-Marie Weitz, Sofia Alex, Jonas Schurig, Olivia Schiebel<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung daf\u00fcr, dass wir unseren Alltag meistern k\u00f6nnen. Beispielsweise vertrauen wir anderen Menschen im Stra\u00dfenverkehr, dass sie sich auch an die Regeln halten oder wir vertrauen beim Einkaufen den Bio-Siegeln auf den Bio-Produkten. Es ist schlichtweg unm\u00f6glich, alles zu hinterfragen und zu verstehen. Nichtsdestotrotz d\u00fcrfen wir Vertrauen nicht mit Leichtsinn verwechseln. So liegt die Verantwortung daf\u00fcr, wem wir vertrauen, letztendlich bei uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Bev\u00f6lkerung spielt Vertrauen eine besondere Rolle. Wenn wir wissenschaftlichen Erkenntnissen glauben, vertrauen wir einer ganzen Reihe an Personen und Institutionen. Ein gutes Beispiel ist die Klimawissenschaft: Sie ist hochkomplex, stark interdisziplin\u00e4r und politisch wie gesellschaftlich hoch relevant. Ihre Erkenntnisse bilden oft die Grundlage f\u00fcr politische Entscheidungen und kollektives Handeln. Vertrauen ist eine Voraussetzung f\u00fcr evidenzbasierte Politik.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"601\" height=\"325\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1791\" style=\"width:648px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild1-1.jpg 601w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild1-1-300x162.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">\u00a9 pexels \/ Markus Spiske <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Vertrauenskrise auf Social Media<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jeder vertraut in die Klimawissenschaften. Wahrscheinlich ist fast jedem von euch schon mal ein wissenschafts-skeptisches Video in den Algorithmus gesp\u00fclt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders die Kommentare unter TikToks, in denen sich Klimaexpert*innen \u00e4u\u00dfern, geben ein Bild dar\u00fcber ab, wie Misstrauen sich zeigt: \u201eWissenschaftlerin in was\u201c, \u201eich traue den sogenannten Experten 0,0\u201c, \u201eohje im Auftrag der Bundesregierung\u201c oder \u201eDas Motiv? Mh Kohle\u201c. Nehmen wir <a href=\"https:\/\/vm.tiktok.com\/ZGdmWrsh4\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">das Video<\/a>, unter dem diese Kommentare zu finden waren, genauer unter die Lupe.<\/p>\n\n\n\n<p>Maja G\u00f6pel, Politik\u00f6konomin, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und mehrfach ausgezeichnet f\u00fcr ihre wissenschaftliche Arbeit, spricht in einer Fernsehshow im rbb dar\u00fcber, dass man Naturwissenschaften ernst nehmen soll und hinterfragt die negativen Motive, die ihr als Wissenschaftlerin von ihrem Interviewpartner unterstellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kommentare zeigen, wie ein Gro\u00dfteil der Menschen ihren Aussagen gegen\u00fcbersteht. Auch wenn einige positive Kommentare zu lesen sind, so sind doch die negativen Stimmen am lautesten, da auf die Negativkommentare die meisten Antworten geschrieben werden. Maja G\u00f6pels Motive werden hinterfragt, ihre Arbeit als Wissenschaftlerin und ihre Forschung gleicherma\u00dfen. Dieses Video ist kein Einzelfall. Zahlreiche Videos mit vielen Likes, Kommentaren und Views, die sich misstrauisch gegen\u00fcber der Klimawissenschaft zeigen, lassen sich in den sozialen Medien finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Misstrauen von AfD-W\u00e4hler*innen<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in rechten Kreisen finden klima-kritische Videos gro\u00dfen Anklang. Interessanterweise zeigte das Wissenschaftsbarometer 2024, dass unter AfD-W\u00e4hlerinnen und -W\u00e4hlern besonders wenig Vertrauen in die Klimaforschung besteht: Nur etwa 15 % von ihnen glauben den Aussagen zum menschengemachten Klimawandel. Und das, obwohl 41 % von ihnen trotzdem auf die Forschung zu erneuerbaren Energien vertraut. Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass die Messung von Vertrauen in die Klimawissenschaft nicht nur eine Frage von Fakten oder Empirie ist, sondern tief in politische und ideologische Milieus eingebettet ist. Das Misstrauen gegen\u00fcber der Forschung scheint somit Teil eines gr\u00f6\u00dferen Musters politischer Skepsis bei dieser W\u00e4hlergruppe zu sein.&nbsp;Damit wird das Vertrauen nicht nur als allgemeine gesellschaftliche Gr\u00f6\u00dfe, sondern als Spiegel politischer Spaltungen messbar, was bei der Kommunikation von Klimawissenschaft eine zentrale Herausforderung darstellt (f\u00fcr alle, die der Einfluss politischer Polarisierung auf das Vertrauen in die Klimawissenschaft interessiert, <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/03\/03\/links-vs-rechts-was-politische-identitaet-fuer-die-kommunikation-von-klimawissenschaft-bedeutet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">lest gern diesen Blogbeitrag<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Korrelation zwischen hohem Bildungsniveau und Vertrauen in die Wissenschaft<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn populistische Kommunikation das Bild erzeugt, dass es einen Vertrauensverlust in die Wissenschaft gibt, so l\u00e4sst sich durch Umfragen feststellen, dass viele Menschen der Wissenschaft durchaus vertrauen. Dies zeigt auch das Wissenschaftsbarometer von 2025. Das Wissenschaftsbarometer ist eine seit 2014 j\u00e4hrlich durchgef\u00fchrte, repr\u00e4sentative Umfrage von Wissenschaft im Dialog (WiD), bei der jeweils rund 1.000 Personen ab 14 Jahren telefonisch befragt werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"725\" height=\"725\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-46-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1786\" style=\"aspect-ratio:1.0631084031252296;width:616px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-46-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf.png 725w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-46-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf-300x300.png 300w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-46-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 725px) 100vw, 725px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Abbildung 1. Quelle: <a href=\"https:\/\/wissenschaft-im-dialog.de\/documents\/473\/Brosch%C3%BCre_Wissenschaftsbarometer2025.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wissenschaftsbarometer 2025<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns zum Beispiel Abbildung 1 an, sehen wir das generelle Vertrauen in Wissenschaft und Forschung von 2017 bis 2025. Es f\u00e4llt auf, dass das Vertrauen in die Wissenschaft  zu Zeiten der Pandemie besonders hoch war. Die Grafik zeigt allerdings auch, dass das Misstrauen gegen\u00fcber der Wissenschaft und Forschung sich immer um einen Wert von 10 % bewegt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"725\" height=\"725\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-39-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1787\" style=\"width:610px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-39-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf.png 725w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-39-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf-300x300.png 300w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Screenshot-2026-03-09-at-14-38-39-WIBA-2025-21.10.indd-Broschuere_Wissenschaftsbarometer2025.pdf-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 725px) 100vw, 725px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Abbildung 2. Quelle: <a href=\"https:\/\/wissenschaft-im-dialog.de\/documents\/473\/Brosch%C3%BCre_Wissenschaftsbarometer2025.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wissenschaftsbarometer 2025<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Abbildung 2 geht auf die Korrelation zwischen Bildungsniveau und Vertrauen in die Wissenschaft ein. Hier zeigt sich, dass ein h\u00f6heres Bildungsniveau zu deutlich mehr Vertrauen in Wissenschaft und Forschung f\u00fchrt. Beispielsweise hatten im Jahr 2020 \u2013 das erste Jahr der Pandemie \u2013 80 % der Befragten mit einem formal hohen Bildungsniveau ein hohes bis sehr hohes Vertrauen in Forschung und Wissenschaft, w\u00e4hrend bei den Befragten mit einem formal niedrigen Bildungsniveau nur 37 % ein hohes bis sehr hohes Vertrauen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Einfluss lauter Minderheiten<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn sich zeigt, dass das Vertrauen in die Wissenschaft insgesamt stabil ist, darf ein zentraler Aspekt nicht untersch\u00e4tzt werden: Minderheiten besitzen eine erhebliche gesellschaftliche Gestaltungsmacht. Sozialwissenschaftliche Studien legen nahe, dass bereits etwa zehn Prozent der Bev\u00f6lkerung ausreichen k\u00f6nnen, um einen Wandel anzusto\u00dfen. Voraussetzung ist, dass diese Gruppe geschlossen, sichtbar und konsequent auftritt. Genau dieses Prinzip erkl\u00e4rt, warum wissenschaftsskeptische Positionen im \u00f6ffentlichen Diskurs h\u00e4ufig pr\u00e4senter wirken, als sie statistisch sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere soziale Medien verst\u00e4rken diesen Effekt. Lautst\u00e4rke, Zuspitzung und emotionale Botschaften erhalten dort \u00fcberproportional viel Aufmerksamkeit. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, Misstrauen gegen\u00fcber der Klimawissenschaft sei weiter verbreitet als Umfragen nahelegen. Vertrauen wird in solchen R\u00e4umen weniger durch wissenschaftliche Evidenz erzeugt als durch Wiederholung, Gruppenzugeh\u00f6rigkeit und klare Feindbilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Dynamik ist jedoch nicht ausschlie\u00dflich problematisch, sondern birgt auch Potenzial. Denn dieselben Mechanismen gelten ebenso f\u00fcr wissenschaftsbasierte, konstruktive Positionen. Eine engagierte Minderheit, die Forschung verst\u00e4ndlich kommuniziert, transparent auftritt und Vertrauen aktiv vorlebt, kann langfristig gesellschaftliche Normen verschieben. Entscheidend ist somit nicht allein, wie viele Menschen einer Position zustimmen, sondern wer bereit ist, Verantwortung im \u00f6ffentlichen Diskurs zu \u00fcbernehmen und ihn kontinuierlich mitzugestalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Du m\u00f6chtest dich noch weiter in das Thema einlesen? Hier findest du die wichtigsten Links und Quellen aus unserem Blog:<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wissenschaftsbarometer aus dem Jahr 2024: <a href=\"https:\/\/wissenschaft-im-dialog.de\/documents\/332\/2024_Wissenschaftsbarometer_Broschuere_web.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/wissenschaft-im-dialog.de\/documents\/332\/2024_Wissenschaftsbarometer_Broschuere_web.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das Wissenschaftsbarometer aus dem Jahr 2025: <a href=\"https:\/\/wissenschaft-im-dialog.de\/documents\/473\/Brosch%C3%BCre_Wissenschaftsbarometer2025.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/wissenschaft-im-dialog.de\/documents\/473\/Brosch%C3%BCre_Wissenschaftsbarometer2025.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Studie zum Vertrauen in die Wissenschaft mit Daten \u00fcber 68 L\u00e4nder: Cologna, V., Mede, N.G., Berger, S. et al. Trust in scientists and their role in society across 68 countries. Nat Hum Behav 9, 713\u2013730 (2025). <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41562-024-02090-5\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41562-024-02090-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lea-Marie Weitz, Oliver Jahnecke, Sofia Alex, Jonas Schurig und Olivia Schiebel<\/strong> sind Teilnehmer*innen des Seminars \u201cVertrauen in die Wissenschaft &#8211; verstehen, kommunizieren, st\u00e4rken (Fokus Klimawissenschaften)\u201d, geleitet von Julia Mirkin, und haben sich mit dem Thema des Blogeintrags im Rahmen des Seminars auseinandergesetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welches Bild \u00fcbermitteln uns die sozialen Medien? Wie h\u00e4ngt das mit der AfD zusammen und was sagen uns die tats\u00e4chlichen Zahlen? von Oliver Jahnecke, Lea-Marie Weitz, Sofia Alex, Jonas Schurig, Olivia Schiebel Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung daf\u00fcr, dass wir unseren Alltag meistern k\u00f6nnen. 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