{"id":1815,"date":"2026-03-16T10:30:49","date_gmt":"2026-03-16T09:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=1815"},"modified":"2026-03-16T10:30:49","modified_gmt":"2026-03-16T09:30:49","slug":"wie-die-afd-pseudoexpertinnen-nutzt-um-klimapolitik-zu-untergraben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/03\/16\/wie-die-afd-pseudoexpertinnen-nutzt-um-klimapolitik-zu-untergraben\/","title":{"rendered":"Wie die AfD Pseudoexpert*innen nutzt, um Klimapolitik zu untergraben"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Hannah van Eimern, Ivette Kisters, Victoria Tessa Bock, Finn P\u00fctz und Niklas Ronneburg<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e(&#8230;) CO<sub>2<\/sub> hat keinen Einfluss auf das Klima. Deshalb hat auch die menschliche Verbrennung keinen Einfluss auf das Klima, und deswegen haben auch die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen der Industriel\u00e4nder keinen Einfluss auf das Klima.\u201d Dieser Satz <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/965888\/a78ae5e8551113aa340e3b5ca6d73e04\/Protokoll.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">stammt vom vermeintlichen Klimaexperten Dr. Peter V\u00f6gele<\/a>, der 2022 von der AfD als Sachverst\u00e4ndiger in den Bundestag eingeladen wurde. Der Physiker behauptet von sich selbst, sich seit 30 Jahren mit der Klimaproblematik auseinanderzusetzen, jedoch kann man keine eigene Forschung von ihm zu diesem Bereich finden. Dies passt in das von der AfD verfolgte Schema: Parteien k\u00f6nnen ohne Beleg f\u00fcr die Expertise \u201eSachverst\u00e4ndige\u201d vorschlagen, welche in Gremien des Bundestages angeh\u00f6rt werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klimapolitik sollte in demokratischen Systemen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Doch was passiert, wenn eine Partei wissenschaftliche Expertise nicht nur anzweifelt, sondern sie systematisch untergr\u00e4bt und durch vermeintliche Alternativen ersetzt? Eine aktuelle Studie der Politikwissenschaft zeigt am Beispiel der AfD, wie populistische Parteien bewusst pseudowissenschaftliche und wissenschaftsferne Quellen nutzen, um die Legitimit\u00e4t von Klimaschutzma\u00dfnahmen zu untergraben und Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen zu ersch\u00fcttern. Aber wie macht die AfD das?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"767\" height=\"511\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild1-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1816\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild1-1.png 767w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild1-1-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 100vw, 767px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">OpenAI. KI-generiertes Bild: Pseudowissenschaft. Erf\u00fcllt mit ChatGPT (DALL\u00b7E), 2026.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die AfD lehnt Wissenschaft nicht grunds\u00e4tzlich ab \u2013 sie nutzt sie nur selektiv<\/p>\n\n\n\n<p>Die AfD lehnt Wissenschaft nicht pauschal ab. Stattdessen beruft sie sich gezielt auf wissenschaftlich klingende Aussagen, wenn diese ihren politischen Positionen n\u00fctzen. Dabei geht es um eine strategische Auswahl von \u201eExpertise\u201c, die zur eigenen Erz\u00e4hlung passt. So werden Expert*innen in den Bundestag eingeladen, die entweder Au\u00dfenseiterpositionen vertreten oder deren Aussagen nicht den Standards wissenschaftlicher Forschung entsprechen. Trotzdem werden diese Personen als \u201ewissenschaftliche Autorit\u00e4ten\u201c pr\u00e4sentiert, was die Grenze zwischen fundierter Forschung und Meinung bewusst verwischt. Aber was genau ist damit gemeint?<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Expert*innen sind nur Expert*innen in ihrem Bereich: Wir rufen einen Klempner bei Rohrproblemen und gehen zu einer Zahn\u00e4rztin bei Zahnschmerzen \u2013 wir w\u00fcrden bei Zahnschmerzen auch nicht den Klempner rufen oder zum Hautarzt gehen. Genauso gilt in der Wissenschaft: Wer auf einem Fachgebiet Expertise hat, kann nicht automatisch fundierte Aussagen zu einem anderen Gebiet treffen. Die <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/09644016.2022.2090537\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">AfD l\u00e4dt regelm\u00e4\u00dfig Sachverst\u00e4ndige ein, die zwar \u00fcber eine Professur oder einen Doktortitel verf\u00fcgen, jedoch nicht auf einem klimabezogenen Gebiet arbeiten<\/a>. Diese Titel werden dann als Beleg f\u00fcr Kompetenz in der Klimawissenschaft genutzt. Peter V\u00f6gele ist ein Beispiel f\u00fcr einen solchen alternativen Fachexperten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Pseudowissenschaft als Werkzeug politischer Polarisierung<\/p>\n\n\n\n<p>Die AfD nutzt vor allem f\u00fcnf Strategien, um pseudowissenschaftliche Meinungen zu verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Das Infragestellen wissenschaftlicher Standards: <\/em>Abgeordnete der AfD wiederholen regelm\u00e4\u00dfig Aussagen aus pseudowissenschaftlichen Quellen. Sie behaupten, dass Klimamodelle unzuverl\u00e4ssig oder ungen\u00fcgend sind. Allerdings gehen sie dabei stark selektiv vor. Zum Beispiel behaupten Sie, dass Klimawandelmodelle\u00a0\u201ewichtige Einflussfaktoren\u201c wie die Sonne ignorieren w\u00fcrden.<\/li>\n\n\n\n<li><em>De-Kontextualisierung wissenschaftlicher Forschung:<\/em> Wissenschaftliche Bemerkungen werden aus dem Kontext gerissen und politisiert. Die AfD erweckt dadurch den Eindruck, die Forschung st\u00fcnde kurz vor einem Umbruch und w\u00e4re nicht verl\u00e4sslich. Diese Aussagen traf sie basierend auf Satellitenbildern, welche jedoch nur kurzfristige Waldentwicklungen zeigten.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Anti-Eliten-Rhetorik und Verschw\u00f6rungsdenken:<\/em> Die AfD stellt Klimaforschung oft als \u201eInstrument der Eliten\u201c dar. Sie unterstellt Eliten pers\u00f6nliche oder wirtschaftliche Vorteile aus Klimaschutzma\u00dfnahmen zu ziehen. Um das Bild der Gegner*innen zu sch\u00e4rfen, wird oft eine Ausgepr\u00e4gte \u201eWir-gegen-Sie\u201c Rhetorik verwendet.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Appelle an Alltagswissen und vermeintlich gesunden Menschenverstand:<\/em> Komplexe wissenschaftliche Zusammenh\u00e4nge werden durch extrem vereinfachte Formeln oder plakative Aussagen ersetzt: \u201eEs ist doch klar, dass CO\u2082 Pflanzenwachstum f\u00f6rdert\u201c \u2013 w\u00e4hrend globale Erw\u00e4rmungsprozesse vollst\u00e4ndig ausgeblendet werden.<\/li>\n\n\n\n<li><em>Ideologisierung von Klimawissenschaften:<\/em> Die AfD nutzt bekannte wissenschaftliche Kontroversen und Unsicherheiten, um Argumente anderer Parteien umzudrehen. Klimadiskussionen werden personalisiert und Aktivisten wie Greta Thunberg pers\u00f6nlich angegriffen.\u00a0<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wie die AfD Wissen \u201eintegriert\u201c \u2013 und gleichzeitig untergr\u00e4bt<\/p>\n\n\n\n<p>Basierend auf <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/presse\/informationen\/fup\/2024\/fup_24_087-studie-begriffe-rechtspopulistische-netzwerke-und-afd-zu-klimawandel\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">der Studie der Freien Universit\u00e4t Berlin<\/a> l\u00e4sst sich das Vorgehen der AfD als ein dualer Prozess beschreiben: Die Partei nutzt einerseits die parlamentarische Infrastruktur zur Einbindung von Fakten, untergr\u00e4bt deren Bedeutung jedoch gleichzeitig durch ein hochspezialisiertes, rechtspopulistisches Vokabular.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie zeigt, dass die AfD eine Br\u00fcckenfunktion zwischen \u201ealternativen Medien\u201c und dem politischen Diskurs einnimmt. W\u00e4hrend sie in offiziellen Anfragen oft auf reale Daten zur\u00fcckgreift, um Seriosit\u00e4t zu suggerieren, integriert sie in ihrer Kommunikation systematisch Begriffe aus rechtspopulistischen Netzwerken. Die Untergrabung der Fakten erfolgt dabei weniger durch direkte Leugnung, sondern durch die Diskreditierung der wissenschaftlichen Basis als \u201eIdeologie\u201c oder \u201eQuasi-Religion\u201c. Durch Begriffe wie \u201eFake-Wissenschaft\u201c oder \u201eKlimasekte\u201c wird der wissenschaftliche Konsens zu einer blo\u00dfen Glaubensfrage herabgestuft. Damit entzieht die AfD der faktenbasierten Politik die Grundlage: Fakten werden nicht mehr als objektive Realit\u00e4t anerkannt, sondern als Instrumente eines vermeintlich totalit\u00e4ren Systems (\u201e\u00d6ko-Stasi\u201c) dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Was sind die Folgen und wie k\u00f6nnen wir als B\u00fcrger*innen damit umgehen?\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis ist ein politisches Klima, in dem Fakten weniger Gewicht haben, Vertrauen verloren geht und Polarisierung zunimmt. F\u00fcr Klimapolitik, die dringend auf wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen ist, ist ein verzerrter Diskurs eine ernsthafte Gefahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Als B\u00fcrger*innen k\u00f6nnen wir aufmerksam zuh\u00f6ren und den politischen Diskurs aktiv hinterfragen. Im Rahmen der pers\u00f6nlichen Meinungsbildung ist es wichtig, Fakten pers\u00f6nlich zu \u00fcberpr\u00fcfen und sich auf verl\u00e4ssliche und professionelle Quellen zu beziehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hannah van Eimern, Ivette Kisters, Victoria Tessa Bock, Finn P\u00fctz und Niklas Ronneburg<\/strong> sind Teilnehmer*innen des Seminars \u201eVertrauen in die Wissenschaft &#8211; verstehen, kommunizieren, st\u00e4rken. Fokus: Klimawissenschaften\u201c, und haben sich unter anderem mit der AfD und ihrer Art, Klimapolitik zu steuern und ihrer Verwendung von Pseudowissenschaften, besch\u00e4ftigt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Hannah van Eimern, Ivette Kisters, Victoria Tessa Bock, Finn P\u00fctz und Niklas Ronneburg \u201e(&#8230;) CO2 hat keinen Einfluss auf das Klima. 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