{"id":1839,"date":"2026-03-30T10:47:32","date_gmt":"2026-03-30T08:47:32","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=1839"},"modified":"2026-04-27T10:32:31","modified_gmt":"2026-04-27T08:32:31","slug":"warum-alternative-wissenschaften-keine-alternativen-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/03\/30\/warum-alternative-wissenschaften-keine-alternativen-sind\/","title":{"rendered":"Warum \u201ealternative\u201c Wissenschaften keine Alternativen sind"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Mick Abraham, Medina Demirovic, Janika Dohrn, Mikael Gerami, Sarah Hermann<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Stell dir vor, jemand h\u00e4lt in einer Debatte pl\u00f6tzlich eine Grafik hoch und sagt dazu: \u201eSiehst du? So schlimm ist das mit dem Klimawandel gar nicht. Es ist sogar eine Besserung zu sehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso sieht man es in einem Beitrag der <a href=\"https:\/\/youtu.be\/MNZPWIiM9Qo?si=Ds-Ins2kKmHWteEI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hessenschau,<\/a> in dem AfD-Politiker*innen mit Daten und Grafiken argumentieren. Die Grafiken wirken zun\u00e4chst objektiv, aber es werden nur Teile, also ein kleiner Ausschnitt davon gezeigt: verk\u00fcrzte Zeitr\u00e4ume und fehlender Kontext. So passt die Darstellung aber perfekt zur eigenen Argumentation und l\u00e4sst wissenschaftliche Erkenntnisse pl\u00f6tzlich zweifelhaft erscheinen. Es fehlt aber der Blick auf das ganze Bild.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"463\" height=\"288\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1843\" style=\"width:580px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/grafik.png 463w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/grafik-300x187.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 463px) 100vw, 463px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Vergleichbare Beispielgrafik wie im Beitrag der Hessenschau, siehe oben<br>(<a href=\"https:\/\/climatereanalyzer.org\/research_tools\/monthly_tseries\/#info\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/climatereanalyzer.org\/research_tools\/monthly_tseries\/#info<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht kennst du das selbst: Dir wird beim Scrollen eine Statistik im Feed angezeigt und in einem Kommentar hei\u00dft es, dass man \u201ekritisch bleiben\u201c soll, weil die Wissenschaft politisch oder sich uneinig sei. Solche Darstellungen k\u00f6nnen sehr \u00fcberzeugend wirken, gerade wenn sie mit Zahlen und Daten arbeiten. Schaut man genauer hin, wird deutlich: Hier wird nicht der wissenschaftliche Erkenntnisstand wiedergegeben. Stattdessen w\u00e4hlen Akteure gezielt einzelne Informationen aus und pr\u00e4sentieren sie so, dass Zweifel entstehen \u2013 ohne den wissenschaftlichen Kontext zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Blogbeitrag m\u00f6chten wir dich daf\u00fcr sensibilisieren, Vorw\u00fcrfe gegen Wissenschaft kritisch zu hinterfragen und ihre argumentative Funktion im politischen Kontext zu erkennen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">H\u00e4ufige Vorw\u00fcrfe der \u201ealternativen Wissenschaft\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den h\u00e4ufigsten Vorw\u00fcrfen gegen die etablierte Wissenschaft geh\u00f6rt der Hinweis auf finanzielle Abh\u00e4ngigkeiten. Kritiker*innen behaupten, Forschung sei voreingenommen, wenn sie von Unternehmen oder Organisationen finanziert werde \u2013 Forschungsergebnisse w\u00fcrden gewisserma\u00dfen \u201egekauft\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in der Klimadebatte wird argumentiert, Studien zum menschengemachten Klimawandel seien nichts anderes als Lobbyarbeit. Hinter ihnen stehe angeblich eine \u201egr\u00fcne\u201c Energielobby, die von Subventionen, Investitionen und neuen Kund*innen profitieren wolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich ist sich die Wissenschaft der Problematik potenzieller Interessenkonflikte bewusst. Gerade weil Forschung in vielen Bereichen auf Drittmittel angewiesen ist, sind Mechanismen zu deren Offenlegung und Begrenzung fest im wissenschaftlichen System verankert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"385\" height=\"302\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1841\" style=\"aspect-ratio:1.2748085444796406;width:527px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild2.png 385w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild2-300x235.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Quelle: Canva<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>Um solche Risiken zu begrenzen, gibt es klare Schutzmechanismen. Forschende m\u00fcssen m\u00f6gliche Interessenkonflikte offenlegen, Studien werden von unabh\u00e4ngigen Wissenschaftler*innen begutachtet (Peer-Review) und wiederholt (Replikation), und im Rahmen von \u201eOpen Science\u201c werden Daten, Methoden und Studienpl\u00e4ne transparent zug\u00e4nglich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Standards werden kontinuierlich weiterentwickelt. Zwar l\u00e4sst sich der Einfluss finanzieller Interessen nie vollst\u00e4ndig ausschlie\u00dfen, doch die etablierten Verfahren reduzieren dieses Risiko erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei sogenannten \u201ealternativen Wissenschaften\u201c werden diese Schutzmechanismen oft ignoriert oder nur unzureichend umgesetzt. Dies schafft Raum f\u00fcr gezielte Einflussnahme durch finanzielle Interessen. So hat die <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/klimawandel-der-oelkonzern-total-wusste-seit-1971-von-der-globalen-erwaermung-a-b31a50ef-1d28-4774-a0a3-ca70756c0b70\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Erd\u00f6lindustrie Forschungsarbeiten finanziert<\/a>, die den menschlichen Einfluss auf die globale Erw\u00e4rmung herunterspielen, die Existenz der Erw\u00e4rmung insgesamt infrage stellen oder Klimamodelle als unzuverl\u00e4ssig darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Arbeiten erscheinen h\u00e4ufig nicht in etablierten Fachzeitschriften mit einem strengen Begutachtungsprozess, sondern in sogenannten Raubverlagen (\u201epredatory journals\u201c), die wissenschaftliche Standards nur unzureichend anwenden und Publikationen gegen Bezahlung akzeptieren. In einigen F\u00e4llen werden zudem Personen als \u201eExpert*innen\u201c pr\u00e4sentiert, die in dem Fachgebiet nicht \u00fcber die n\u00f6tige Qualifikation verf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Die Vorw\u00fcrfe von Interessenkonflikten treffen eher auf alternative Wissenschaften zu. Die etablierte Wissenschaft mag nicht perfekt sein, doch sie arbeitet systematisch daran, verl\u00e4ssliche Ergebnisse bereitzustellen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"602\" height=\"231\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1842\" style=\"width:731px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild3.png 602w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bild3-300x115.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 602px) 100vw, 602px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Quelle: Canva<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Der Schein von Plausibilit\u00e4t<\/p>\n\n\n\n<p>Vertreter*innen alternativer Wissenschaften nutzen h\u00e4ufig den Eindruck von Expertise, um ihre Aussagen glaubw\u00fcrdig erscheinen zu lassen. So begann etwa Klaus Gagel (AfD) seine Rede im hessischen Landtag mit den Worten \u201eIch bin auch Wissenschaftler.\u201c und verwies auf sein Meteorologiestudium. Dies kann den Eindruck erwecken, er arbeite wissenschaftlich genauso wie etablierte Klimaforschende.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eindruck von Plausibilit\u00e4t entsteht durch die gezielte Verwendung von Zahlen, Statistiken und einzelnen Studien. Alleinstehende Aussagen wirken dadurch fundierter, auch wenn die ausgew\u00e4hlten Daten verf\u00e4lscht oder eigenn\u00fctzig interpretiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Ein bekanntes Muster<\/p>\n\n\n\n<p>Dir sind sicherlich einige der hier beschriebenen Strategien schon einmal begegnet. Dieses Vorgehen ist kein neues Ph\u00e4nomen: Wir kennen \u00e4hnliche Muster aus \u00f6ffentlichen Debatten, etwa um die gesundheitssch\u00e4dliche Wirkung von Tabak oder um die Diskussionen rund um COVID-19. Einzelne Studien wurden hervorgehoben, der Eindruck wissenschaftlicher Uneinigkeit erzeugt \u2013 obwohl die Forschungslage eindeutig war. Tats\u00e4chlich reicht diese Strategie noch weiter zur\u00fcck: Schon w\u00e4hrend des Kalten Krieges wurde selektiv mit Daten gearbeitet, um bestimmte Narrative zu st\u00fctzen. Ihr Ursprung liegt in der Ideologie des Marktfundamentalismus. Wenn du tiefer in diese Mechanismen einsteigen m\u00f6chtest, lohnt sich ein Blick auf den <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/03\/23\/alte-argumentationsmuster-neue-inhalte-klimaleugnung-als-instrument-fuer-die-freie-wirtschaft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Blogbeitrag zum Marktfundamentalismus<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">F\u00fcnf Fragen, die du dir stellen solltest, bevor du Ergebnisse einer Studie glaubst<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wer hat die Studie finanziert oder in Auftrag gegeben?<\/li>\n\n\n\n<li>K\u00f6nnte ein Interessenkonflikt bestehen?<\/li>\n\n\n\n<li>Verf\u00fcgt die Person \u00fcber Expertise in dem relevanten Forschungsbereich? (mehr dazu <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/04\/13\/vertrauen-schoepfen-statt-verzweifeln-wissenschaft-beurteilen-als-nicht-expertin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>)<\/li>\n\n\n\n<li>Gibt es bereits einen Konsens in der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft?<\/li>\n\n\n\n<li>Werden Daten oder Befunde aus dem urspr\u00fcnglichen Kontext verzerrt dargestellt?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Mick Abraham, Medina Demirovic, Janika Dohrn, Mikael Gerami, Sarah Hermann<\/strong> studieren Philosophie im Bachelor und haben das Thema in einem Seminar \u201eVertrauen in die Wissenschaft &#8211; verstehen, kommunizieren, st\u00e4rken (Fokus Klimawissenschaften)\u201c erarbeitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Mick Abraham, Medina Demirovic, Janika Dohrn, Mikael Gerami, Sarah Hermann Stell dir vor, jemand h\u00e4lt in einer Debatte pl\u00f6tzlich eine Grafik hoch und sagt dazu: \u201eSiehst du? 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