{"id":1879,"date":"2026-04-13T12:00:34","date_gmt":"2026-04-13T10:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=1879"},"modified":"2026-04-13T12:07:10","modified_gmt":"2026-04-13T10:07:10","slug":"vertrauen-schoepfen-statt-verzweifeln-wissenschaft-beurteilen-als-nicht-expertin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/04\/13\/vertrauen-schoepfen-statt-verzweifeln-wissenschaft-beurteilen-als-nicht-expertin\/","title":{"rendered":"Vertrauen sch\u00f6pfen statt verzweifeln \u2013 Wissenschaft beurteilen als Nicht-Expert*in"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Clara Ackermann, Franziska Aubert, Elmar G\u00f6tz-Meyn, Lasse Jebavy, Carlotta Schabel, Lina Schirmer &amp; Chiara Tappen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tweets. Zwei Stimmen zum Klima. Und vermutlich w\u00fcrdest Du \u2013 genau wie wir \u2013 in den ersten Sekunden instinktiv wissen, wem Du \u201emehr\u201c glauben willst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"530\" height=\"530\" data-id=\"1882\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1882\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild1.png 530w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild1-300x300.png 300w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild1-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"530\" height=\"530\" data-id=\"1883\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1883\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild2.png 530w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild2-300x300.png 300w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Bild2-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 530px) 100vw, 530px\" \/><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p>Tweet eins: ein Mann mit Doktortitel, ein Satz wie ein Urteil, tausende Likes und Kommentare. Er wirkt nicht nur \u00fcberzeugend \u2013 er f\u00fchlt sich \u00fcberzeugend an. Fast automatisch denkt man: Wenn so viele zustimmen und der Absender so kompetent aussieht, dann wird\u2019s schon stimmen. Der zweite Tweet ist leiser. Eine junge Frau ohne Titel, weniger Reichweite und ein vorsichtiger Ton. Nicht viral. Nicht glamour\u00f6s.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau hier liegt das Problem: Wir verwechseln schnell\u00a0Kompetenz-Signale\u00a0mit\u00a0fundierter Erkenntnis. Titel, Auftreten, Selbstsicherheit und Reichweite funktionieren auf Social Media hervorragend, w\u00e4hrend wissenschaftliche Qualit\u00e4t dagegen oft sperrig und voller Abw\u00e4gungen ist. Das hei\u00dft nicht: \u201eTrau der Wissenschaft nicht.\u201c Aber ein Doktortitel ist kein Allzweck-Siegel: Ein Doktor der Kunstgeschichte kann klug sein \u2013 macht ihn das automatisch kompetent f\u00fcrs Klima?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage ist also: Wenn Du nur diese beiden Posts siehst \u2013 woran w\u00fcrdest Du merken, ob Dein Vertrauen auf Fakten basiert oder nur auf Wirkung?<\/p>\n\n\n\n<p>Von der <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/services\/aop-cambridge-core\/content\/view\/C96369F581A9091635E522D4ED671DBE\/S1742360000001702a.pdf\/democracy-public-policy-and-lay-assessments-of-scientific-testimony1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Philosophin Elizabeth Anderson<\/a> stammen die folgenden Hinweise, wie sich die Integrit\u00e4t und wissenschaftliche Kompetenz der Expert*innen von Laien bewerten l\u00e4sst. Sie nennt noch weitere Aspekte, die bei Interesse unter dem Link nachgelesen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Erkennen von Expert*innen<\/p>\n\n\n\n<p>Expertise erkennen, bedeutet vor allem zu pr\u00fcfen, ob eine Person \u00fcberhaupt fachliche N\u00e4he zum Thema hat. Ein Doktortitel kann zu der Annahme verleiten, dass die Person \u00fcber herausragendes Wissen verf\u00fcgt.\u00a0 Daher sollte man sich immer vergewissern, dass sich eine Person mit ihren Aussagen nicht au\u00dferhalb ihres Fachgebiets bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein starkes Indiz f\u00fcr Expertise ist auch die Wahrnehmung durch die Fachgemeinschaft. Wie oft wird die Person zitiert? Welche Rolle f\u00fcllt sie in ihrer Institution aus? F\u00fcr Nicht-Expert*innen gilt daher: Je enger Ausbildung, Forschung und Anerkennung einer Person mit dem konkreten Thema verbunden sind, desto gr\u00f6\u00dfer ist ihr Expert*innenstatus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Ehrlichkeit beurteilen<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist keine Frage der Sympathie, sondern der Seriosit\u00e4t im Umgang mit Informationen. Woher stammt das \u201eWissen\u201d, gibt es Quellennachweise? Ein echtes Warnsignal ist ein Interessenskonflikt, etwa wenn Expert*innen von Unternehmen finanziert werden oder ein pers\u00f6nliches Interesse an einem bestimmten Ergebnis haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem ist es ratsam, auf das diskursive Verhalten zu achten. Werden Daten und Zitate aus dem urspr\u00fcnglichen Zusammenhang gel\u00f6st, um ausschlie\u00dflich die eigene Position zu st\u00fctzen (Cherry Picking)? Wie ist der Umgang mit der Gegenposition? Werden Argumente korrekt wiedergegeben und entkr\u00e4ftet oder vereinfacht, verk\u00fcrzt und insgesamt unseri\u00f6s dargestellt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Epistemische Verantwortung<\/p>\n\n\n\n<p>Epistemische Verantwortung bedeutet zu pr\u00fcfen, ob eine Person ihre wissenschaftlichen Behauptungen auf nachvollziehbare und \u00fcberpr\u00fcfbare Weise vertritt und auf fachliche Einw\u00e4nde und Widerlegungen rational reagiert. <strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiges Warnsignal ist ein fehlender Begutachtungsprozess durch Fachkolleg*innen. Erkennbar ist dies beispielsweise daran, dass Forschende ihre Daten oder Methoden ohne triftigen Grund nicht \u00f6ffentlich zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ist es problematisch, wenn Wissenschaftler*innen auf Kritik nicht eingehen, sondern widerlegte Aussagen oder Theorien einfach wiederholen. Beide Punkte sind Indizien, dass nicht angemessen mit Belegen, Kritik und wissenschaftlichen Standards umgegangen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Beurteilt werden kann dies allerdings nur in den Bereichen, in denen man selbst \u00fcber gen\u00fcgend Wissen verf\u00fcgt. F\u00fcr Nicht-Expert*innen ist es daher wichtiger zu beobachten, ob jemand angemessen auf Kritik reagiert oder ob Einw\u00e4nde ignoriert oder diese gar nicht erst zugelassen werden.<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">So und jetzt noch einmal zusammengefasst:<\/p>\n\n\n\n<p>Das Beispiel der zwei Tweets zeigt, wie leicht Vertrauen in wissenschaftliche Aussagen durch \u00e4u\u00dfere Signale wie Titel, selbstbewusstes Auftreten und Reichweite beeinflusst wird. Gerade auf Social Media droht schnell die Gefahr, die Wirkung mit Wissen zu verwechseln. F\u00fcr Nicht-Expert*innen bedeutet verantwortungsvolles Vertrauen nicht, jede Aussage selbst fachlich zu pr\u00fcfen, sondern darauf zu achten, wer spricht, wie argumentiert wird und wie mit Kritik umgegangen wird. Wissenschaftliches Vertrauen entsteht nicht durch Autorit\u00e4t oder Lautst\u00e4rke, sondern durch fachliche N\u00e4he, Transparenz, Ehrlichkeit und die Bereitschaft zum offenen Diskurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend unsere Tipps:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Titel \u2260 Expertise: Ist die Person im Fachgebiet ausgebildet und anerkannt?<\/li>\n\n\n\n<li>Wirkung \u2260 Wissen: Ist der Aufbau der Argumente nachvollziehbar? Gehen die Autor*innen auch auf Gegenargumente ein und entkr\u00e4ftet diese? Reagieren die Autor*innen argumentativ oder ausweichend auf Kritik?<\/li>\n\n\n\n<li>Cherry Picking &#8211;<strong> <\/strong>einzelne Zahlen ohne Kontext: Werden Daten strategisch so genutzt, um nur die eigene Position zu st\u00fctzen?<\/li>\n\n\n\n<li>Peer-Review: Werden Daten ohne Grund nicht gepr\u00fcft und\/oder zur\u00fcckgehalten?<\/li>\n\n\n\n<li>Interessenskonflikte: Werden die Autor*innen z.B. von einem Unternehmen finanziert? Und haben sie somit m\u00f6glicherweise ein Interesse, eine Position hervorzuheben?<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Wichtig ist die Frage: Vertraue ich den Fakten oder nur der Wirkung?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Beitrag ist im Rahmen des Seminars ,,Vertrauen in die Wissenschaft &#8211; verstehen, kommunizieren, st\u00e4rken\u201d entstanden. Einen interessanten Beitrag, der an diese Thematik ankn\u00fcpft, findet ihr unter folgendem Link: <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/03\/09\/vertrauen-oder-misstrauen-wir-der-klimawissenschaft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2026\/03\/09\/vertrauen-oder-misstrauen-wir-der-klimawissenschaft\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Clara Ackermann, Franziska Aubert, Elmar G\u00f6tz-Meyn, Lasse Jebavy, Carlotta Schabel, Lina Schirmer &amp; Chiara Tappen Zwei Tweets. Zwei Stimmen zum Klima. Und vermutlich w\u00fcrdest Du \u2013 genau wie wir \u2013 in den ersten Sekunden instinktiv wissen, wem Du \u201emehr\u201c glauben willst. 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