{"id":200,"date":"2021-11-19T13:17:00","date_gmt":"2021-11-19T13:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=200"},"modified":"2023-02-08T13:20:37","modified_gmt":"2023-02-08T13:20:37","slug":"wissenschaftlerinnen-advokatinnen-ihres-fachs-oder-neutrale-akteurinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2021\/11\/19\/wissenschaftlerinnen-advokatinnen-ihres-fachs-oder-neutrale-akteurinnen\/","title":{"rendered":"Wissenschaftler*innen \u2013 Advokat*innen ihres Fachs oder neutrale Akteur*innen?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <em>von <\/em> <em>Julia<\/em> <em>Marie Heck<\/em>, <em>Saskia Lindemann<\/em>, <em>Natalie Neumann, Paula Porten<\/em> <em>und Anna-Marie Pohle<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/grafik-2-1024x682.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2724\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wissenschaft ist, abgesehen von der Frage, ob der Klimawandel menschengemacht und die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Menschheit darstellt, eigentlich gespalten. Besonders bei der Frage, was \u00fcberhaupt die Rolle von Wissenschaftler*innen ist. Sind sie auf den medialen B\u00fchnen der Welt stehende Verfechter*innen ihres Fachs und Unterst\u00fctzer*innen der Politik oder sind sie im Theater dieser Welt die objektiven Zuschauer:innen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Aber fangen wir am Anfang an &#8211; Eine kleine Geschichtsstunde&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ersten modernen Wissenschaften entstehen im 17. und 18. Jahrhundert. Wissenschaftliche Interaktionen sind damals noch beschr\u00e4nkt auf die wissenschaftliche Welt an sich. Es gibt schon weit l\u00e4nger erste Vorl\u00e4ufer, beispielsweise in der Antike und dem Gelehrtentum des Islams. Mitte des 19. Jahrhunderts wird Wissenschaft zunehmend zum Beruf. Was ehemals Hobby oder Berufung war, ist nun entlohnte Arbeit. Ab 1900 verbreitet sich im deutschen Raum der Begriff \u201eWissenschaftler\u201c und vor dem 1. Weltkrieg ist Wissenschaft als Profession endg\u00fcltig etabliert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Beginn an hat man festgelegt, m\u00f6glichst neutral zu kommunizieren. Im Jahr 1660 wird mit der Gr\u00fcndung der Royal Society of London deshalb eine erste Bem\u00fchung unternommen, ohne Rhetorik zu kommunizieren und eine \u201creine Sprache\u201d zur Vermittlung zu verwenden. Die Zielvorstellungen des Systems Wissenschaftskommunikation haben sich im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert. Vor 1885 ist das Hauptanliegen, das Wissen der breiten \u00d6ffentlichkeit zu erh\u00f6hen und \u00fcber wichtige Erkenntnisse zu informieren. Die Wissenschaftskommunikation \u00fcbernimmt hier die Rolle eines \u201eLehrers\u201c. Ab 1985 \u00e4ndert sich diese Rolle. Mit Hilfe der Wissensvermittlung und ihrer Erkenntnisse wollen Wissenschaftler*innen nun auch ansatzweise soziale Einstellungen ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Neutral oder Politisch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wissenschaft versorgt uns mit Fakten und Wissen \u00fcber einen Sachverhalt, gibt uns aber keine klaren Empfehlungen, was wir mit dem Wissen anfangen und wie wir uns verhalten sollen. Wie dann konkret gehandelt wird, ist uns und unseren gew\u00e4hlten Vertreter:innen \u00fcberlassen. Um Mai Thi Nguyen-Kim zu zitieren: \u201eWissenschaft sagt euch nicht, ob ihr an Klobrillen lecken sollt oder nicht. Sie sagt euch nur, was ihr da aufleckt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Problematisch ist, dass wir eigentlich h\u00e4ufig genau das Gegenteil verlangen: Wir wollen klare Meinungen, Empfehlungen und Positionen zu brisanten Themen und wir wollen, dass diese sich m\u00f6glichst nicht ver\u00e4ndern. Man sieht das oft, wenn Expert:innen zu Talkshows eingeladen werden und dann bei Markus Lanz auf dem \u201chei\u00dfen Stuhl\u201d um Antworten gen\u00f6tigt werden. Wissenschaft funktioniert allerdings umgekehrt. Sie forscht nach dem Falsifikationsprinzip: Die Wahrheit ist nur so lange die Wahrheit, bis jemand das Gegenteil festgestellt hat. Per \u201cTrial-and-Error\u201d Methode werden heute Erkenntnisse gewonnen, die morgen vielleicht wieder verworfen werden m\u00fcssen. Theorien und Hypothesen, die mehrfach belegt werden, sind zuverl\u00e4ssiger als andere. Als Expert:in gilt, wer sich in seinem Forschungsgebiet auskennt und einen Namen gemacht hat. F\u00fcr Politiker*innen und B\u00fcrger*innen in Krisenzeiten, ist es dagegen schwierig keine Ja-Nein-Antwort auf wichtige Fragen zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wissenschaft hat es sich schon fr\u00fch zur Aufgabe gemacht, neutral zu agieren und zu formulieren. Gilt das aber auch in Zeiten, in denen die Menschheit mit globalen Krisen zu k\u00e4mpfen hat? Eine Studie zum Selbstverst\u00e4ndnis von Klimawissenschaftler*innen zeigt, dass ein gro\u00dfer Teil der Wissenschaft beim Thema Klima deutlicher werden m\u00f6chte und sich in der Verantwortung f\u00fchlt, proaktiver \u00fcber den Klimawandel und seine Folgen zu warnen. Der andere Teil der Wissenschaftler:innen sieht sich weiterhin nicht in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine \u00e4hnliche Problematik stellt sich auch in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation der Corona-Pandemie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Virologen wie Christian Drosten oder Henrik Streeck kamen im Verlauf der Pandemie immer weiter aus ihrer \u201eForschungskomfortzone\u201c hervor. Am Beispiel dieser beiden wird deutlich, wie unterschiedlich Forscher*innen in die \u00d6ffentlichkeit treten. Christian Drosten liefert viel wissenschaftlichen Input. Themen, die au\u00dferhalb seines Spezialgebietes oder im Bereich politischer Ma\u00dfnahmen liegen, kennzeichnet er sehr genau. Hendrik Streeck, der ebenfalls sehr viel wissenschaftlichen Input liefert, \u00e4u\u00dfert sich teilweise aus seiner Perspektive als \u201eB\u00fcrger\u201c. Nat\u00fcrlich sind auch Wissenschaftler*innen Menschen und d\u00fcrfen eine eigene Meinung haben. F\u00fcr Laien ist es aber oft schwierig zu unterscheiden, ob die Meinung von jemandem wie Herrn Streeck auf seiner Expertise fu\u00dft oder davon unabh\u00e4ngig formuliert wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wirkung von Plattformen wie z.B Twitter, Instagram, TikTok und Youtube ver\u00e4ndert ebenfalls die ehemals bestehende Logik von Wissenschaftskommunikation. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht l\u00e4nger nur im akademischen Raum in Journal-Artikeln oder \u201edicken W\u00e4lzern\u201c auffindbar. Dementsprechend brauchen Wissenschaftler:innen de facto auch keine Journalist:innen mehr, um ihre Ergebnisse in die Welt zu tragen. Es gilt, was f\u00fcr alle Menschen mit stabilem Internetzugang seit Beginn des Internets m\u00f6glich ist: Mit einem Klick wird jeder selbst Publizist*in. Eine Entwicklung, die je nach Perspektive gut oder schlecht sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Probleme und Herausforderungen: Die Manege der Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie immer hat die schillernde Seite des Internets und der sozialen Medien ihre ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Kehrseite. Denn, wie auch Christian Drosten am eigenen Leib erfahren musste, sind Shitstorms und digitale Anfeindungen im Zeitalter von Social Media f\u00fcr Personen des \u00f6ffentlichen Lebens keine Seltenheit mehr. Bei vielen wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, die an Hochschulen forschen, kommt jedoch noch eine Besonderheit hinzu: Heute reicht nur eine kurze Google-Recherche, um auf den Uni-Websites genau herauszufinden, in welcher Uni, welchem Geb\u00e4ude, welchem B\u00fcro Forschende zu finden sind. Eventuell steht sogar noch eine Telefonnummer dabei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werden Anfeindungen \u00f6ffentlich bekannter Wissenschaftler*innen, deren Antworten auf die gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit vielleicht nicht jedem gefallen, bald nicht mehr nur digital, sondern sehr real sein? M\u00fcssen Wissenschaftler*innen sich in Zukunft entscheiden, ob sie es riskieren, Advokaten f\u00fcr ihr Fach zu werden oder den \u201esicheren Weg\u201c gehen und sich dem \u00f6ffentlichen Auge entziehen? Welche Spuren hinterl\u00e4sst die Erfahrung mit der Corona-Pandemie bei Wissenschaftler:innen? Gibt es weiterhin die Bereitschaft als Privatperson in die Manege der Medien einzutreten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles sind Fragen, die die Beziehung zwischen \u00d6ffentlichkeit und Wissenschaft, aber auch die Wissenschaftskommunikation betreffen, und in den n\u00e4chsten Jahren zu weiteren Ver\u00e4nderungen f\u00fchren werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quellen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bauer, M. W. (2017). Kritische Beobachtungen zur Geschichte der Wissenschaftskommunikation. In: Forschungsfeld Wissenschaftskommunikation. Ed. By H. Bonfadelli, B. F\u00e4hnrich, C. L\u00fcthje, J. Milde, M. Rhomberg und M. S. Sch\u00e4fer. Wiesbaden, Germany: Springer VS, S.17-40.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hoffmann, E., Winkels, R., Serong, J. &amp; Peters, H.P. (2021, 19. M\u00e4rz). Rollen in der Wissenschaftskommunikation. In Wisskomm-Quartett &#8211; Nachdenken \u00fcber Wissenschaftskommunikation. https:\/\/open.spotify.com\/show\/4n1GqOqwtz7FOzX864sguJ<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\nmaiLab. (2020, 19. April). Virologen-Vergleich [Video]. YouTube. https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u439pm8uYSk&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nguyen-Kim, M.T. [maithi_nk]. (2021, 24.Oktober). Wissenschaft sagt euch nicht, ob ihr an Klobrillen lecken sollt oder nicht. Sie sagt euch nur, was ihr da alles aufleckt. [Tweet]. Twitter.<a href=\"https:\/\/twitter.com\/maithi_nk\/status\/1452300468609290254\"> https:\/\/twitter.com\/maithi_nk\/status\/1452300468609290254<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Julia Marie Heck, Saskia Lindemann, Natalie Neumann, Paula Porten und Anna-Marie Pohle Die Wissenschaft ist, abgesehen von der Frage, ob der Klimawandel menschengemacht und die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung f\u00fcr die Menschheit darstellt, eigentlich gespalten. 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