{"id":296,"date":"2022-08-15T14:38:00","date_gmt":"2022-08-15T14:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=296"},"modified":"2023-03-14T14:31:09","modified_gmt":"2023-03-14T13:31:09","slug":"he-jiankui-wissenschaftlicher-messias-oder-ruhmsuechtiger-idealist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2022\/08\/15\/he-jiankui-wissenschaftlicher-messias-oder-ruhmsuechtiger-idealist\/","title":{"rendered":"He Jiankui &#8211; wissenschaftlicher Messias oder ruhms\u00fcchtiger Idealist?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>von Melissa Bertram, Verena Nobel, Hendrik Breuer, Max Kempen und Luca M\u00fcller<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Blogbeitrag-Gruppe-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3144\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> \u00a9 Hendrik Breuer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wissenschaftliches Experiment ger\u00e4t ungeplant an die \u00d6ffentlichkeit: Zwei Babys werden geboren und kurze Zeit sp\u00e4ter wird der <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"chinesische Wissenschaftler He Jiankui zu drei Jahren Haft verurteilt (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.technologyreview.com\/2022\/04\/04\/1048829\/he-jiankui-prison-free-crispr-babies\/\" target=\"_blank\">chinesische Wissenschaftler He Jiankui zu drei Jahren Haft verurteilt<\/a>. Doch wer ist dieser Mann und wie kam es dazu, dass der einst so vielversprechende Forscher, der von seinem Doktorvater Michael Deem als \u201c<a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"high impact student (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/news2.rice.edu\/2010\/11\/17\/new-way-of-predicting-dominant-seasonal-flu-strain\/\" target=\"_blank\">high impact student<\/a>\u201d bezeichnet wurde, 2019 von einem chinesischen Gericht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde? Diese Fragen wollen wir euch in diesem Beitrag beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quereinstieg mit Tatendrang<\/strong><br>He Jiankui studierte Physik in den USA und machte 2010 seinen PhD an der Rice University in Texas. Danach arbeitete er als Post Doc an der Stanford University. 2012 ging er im Rahmen des \u201eThousand Talents Program&#8220;, initiiert von der chinesischen Regierung, zur\u00fcck nach China und nahm eine Professur an der Southern University of Science and Technology an. Auch von staatlicher Seite erhoffte man sich von He Jiankui also bereits zu Beginn seiner Karriere viel. Gegen 2016 begann He mit der Forschung zu geneditierten Embryonen. Au\u00dfergew\u00f6hnlich f\u00fcr jemanden in diesem Forschungsfeld ist sein Quereinstieg \u2013 sein Hintergrund mit der Physik ist auf einem anderen Gebiet. Entsprechend fand er auf Fachkonferenzen zu Genomeditierung wenig Beachtung. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, einen weiteren waghalsigen Schritt in seiner Forschung zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>So ein Experiment gab es weltweit noch nie<\/strong><br>In der Tat schien die Arbeit an Embryonen He nicht auszureichen. So wollte er sich mit der Idee profilieren, den menschlichen DNS-Code so zu modifizieren, dass ein Mensch geboren werden kann, welcher gegen das gef\u00e4hrliche HI-Virus immun ist. Hierf\u00fcr suchte er Paare, bei denen der Vater HIV-positiv war und die Mutter nicht. Mit seinem Experiment verfolgte er zwei Ziele: Erstens die Weitergabe des <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"HI-Virus (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Infekt\/EpidBull\/Merkblaetter\/Ratgeber_HIV_AIDS.html;jsessionid=436502B2D1862A6067B38219F9F83F54.internet091?nn=2374210\" target=\"_blank\">HI-Virus<\/a> vom Vater auf die Kinder zu verhindern und zweitens dar\u00fcber hinaus eine Immunit\u00e4t gegen das gef\u00e4hrliche Virus zu erzeugen. Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch bereits andere Verfahren, wie das <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Sperm-Washing (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.institutobernabeu.com\/de\/blog\/samenwaesche-worin-besteht-sie-und-wozu-dient-sie\/\" target=\"_blank\">Sperm-Washing<\/a>, die dies m\u00f6glich machten. Einen Eingriff wie He ihn plante, hat es weltweit jedoch noch nie gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">He wuchs in der Provinz Hunan in China auf. Dort war HIV in seiner Jugend ein gro\u00dfes Problem und er erlebte vermutlich oft, wie HIV erkrankte Menschen diskriminiert und gef\u00fcrchtet wurden. Dieser Hintergrund erkl\u00e4rt vermutlich den Leichtsinn, mit dem He der Geneditierung in seiner Forschung nachging, mit dem Ziel Kinder HIV-resistent zu machen. So leitete er, kurz nach dem Beginn seiner Forschung an Embryonen, die ersten Schritte f\u00fcr sein Experiment im M\u00e4rz 2017 ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das \u201cwissenschaftliche\u201d Experiment<\/strong><br>Worin besteht jedoch der Kern dieses Experiments? Kurz zusammengefasst lie\u00df He bei Paaren mit Kinderwunsch eine k\u00fcnstliche Befruchtung (In-Vitro-Fertilisation) durchf\u00fchren. F\u00fcr diese werden der Frau befruchtungsf\u00e4hige Eizellen entnommen und mit der Samenzelle des Partners befruchtet. Im Fall von Hes Experiment editierte er die Embryonen jedoch vor ihrer Einpflanzung mit der <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"CRISPR\/Cas9-Genschere (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-1mivZUXgNI\" target=\"_blank\">CRISPR\/Cas9-Genschere<\/a>.<br><br>Falls ihr euch nun fragt, wie CRISPR\/Cas9 funktioniert, dann schaut gerne auf <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2022\/08\/15\/die-veraenderung-von-genen-eine-revolutionaere-entdeckung-im-einsatz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">diesem Blogbeitrag<\/a> vorbei \u2013 dort werden ihre Funktion, sowie Vor-und Nachteile ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt. An dieser Stelle l\u00e4sst sich CRSIPR\/Cas9 aber wie folgt beschreiben: Die menschliche DNS l\u00e4sst sich in Sequenzen von Basenpaaren auslesen. Der CRISPR-Teil ist daf\u00fcr verantwortlich, die Stelle in der DNS zu finden, in der geschnitten werden soll. Das Cas9-Protein f\u00fchrt diesen Schnitt aus. In seinem Experiment hat He versucht mit der CRISPR\/Cas9-Genschere eine ganz bestimmte Mutation zu erzeugen. Diese Mutation tritt bei manchen Menschen in Nordeuropa nat\u00fcrlicherweise auf und sorgt daf\u00fcr, dass sie immun gegen eine HIV-Infektion sind.<br><br>Die Mutation, die zur Immunit\u00e4t gegen HIV bei diesen Menschen f\u00fchrt, betrifft einen ganz bestimmten Abschnitt auf der menschlichen DNS \u2013 das CCR5-Gen. In den Basenpaaren des CCR5-Gens ist die Information f\u00fcr die Bildung eines Co-Rezeptors kodiert, dieser hei\u00dft entsprechend CCR5-Co-Rezeptor. Was hat dieser Co-Rezeptor nun mit HIV zu tun? Infiziert ein HI-Virus eine menschliche Zelle, so tut er dies sehr h\u00e4ufig \u00fcber eben diesen CCR5-Co-Rezeptor. Wenn also die Mutation im CCR5-Gen dazu f\u00fchrt, dass der entsprechende Co-Rezeptor nicht richtig gebildet werden kann, fehlt dem HI-Virus sein Einfallstor in die Zelle und sie wird nicht von dem Virus infiziert.<br><br>Wie bereits erw\u00e4hnt, gibt es manche Menschen, die nat\u00fcrlicherweise eine Mutation in ihrem CCR5-Gen haben \u2013 sie alle haben gemeinsam, dass ihnen in dem Gen 32 Basenpaare fehlen. Daher hei\u00dft die Mutation CCR5Delta32 (CCR5 \u039432). In seinem Experiment wollte He Jiankui mit der Genschere CRISPR\/Cas9 genau diese Mutation erzeugen, indem er anstrebte, auf dem CCR5-Gen der Embryonen die entsprechenden 32 Basenpaare zu entfernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das Problem mit He Jiankuis Experiment<\/strong><br>Mit dem Experiment gehen allerdings viele Probleme einher. Eines der gr\u00f6\u00dften Probleme besteht zun\u00e4chst darin, dass er sein Ziel gar nicht erst erreicht hat. Er hat zwar die CCR5-Gene der Zwillinge editiert, allerdings hat er bei keiner der Zwillingsschwestern die bekannte CCR5 \u039432-Mutation erzeugt. Welche Mutation er genau erschaffen hat, ist jedoch nicht nachvollziehbar, da er und sein Team die hierf\u00fcr n\u00f6tigen Informationen nicht ver\u00f6ffentlicht haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Blogbeitrag-Gruppe-2_2-1024x577.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3145\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> \u00a9 Verena Nobel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da er den Eingriff auf der Keimbahn-Ebene durchgef\u00fchrt hat, hat er das Erbgut der Zwillinge soweit ver\u00e4ndert, dass die Mutation der beiden auch an ihre Kinder weitervererbt wird. Da Ver\u00e4nderungen auf der Keimbahn immer mit der Weitervererbung an die Nachkommen einhergeht, werden Eingriffe dieser Art ethisch h\u00f6chst kontrovers diskutiert. Mehr zur ethischen und rechtlichen Lage von Eingriffen in die menschliche Keimbahn findet ihr in <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2022\/08\/15\/machbarkeitswahn-vs-gewissen-ein-ethischer-ausblick-auf-die-zukunft-des-genome-editing\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">diesem Blogbeitrag<\/a>.<br><br>Um die Weitergabe des HI-Virus durch den Vater an die Zwillinge zu verhindern, gibt es jedoch Alternativen, die routinem\u00e4\u00dfig im Einsatz sind, wie z.B. das oben erw\u00e4hnte Sperm-Washing. Hierbei werden die Samenzellen des Mannes so aufbereitet, dass die Vererbung des HI-Virus an die Nachkommen verhindert werden kann \u2013 ganz ohne in die Keimbahn einzugreifen.<br><br>Es gibt also viele medizinische Risiken, die mit dem Experiment von He Jiankui verbunden sind. \u00dcber diese rein medizinischen Probleme hinaus, hat He mit seinem Experiment gegen eine Reihe von institutionellen Rahmenbedingungen versto\u00dfen. Hierzu geh\u00f6ren zum Beispiel auch Einwilligungserkl\u00e4rungen der teilnehmenden Probanden, welche den Ablauf des Experiments erkl\u00e4ren sollen und \u00fcber Risiken aufkl\u00e4ren sollen. Die Einwilligungserkl\u00e4rung, welche er seinen Probanden gab, vermittelte jedoch eine viel zu technische und dar\u00fcber hinaus mangelhafte Darstellung seiner Methoden und deren Alternativen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicherlich war er sich der kontroversen Sicht auf sein Experiment bewusst, denn er versuchte eine institutionelle Aufsicht dadurch zu vermeiden, dass er seine eigenen finanziellen Mittel f\u00fcr sein Experiment aufgebracht hat.<br>Erst durch einen Leak erfuhren seine Forschungskolleg*innen und die \u00d6ffentlichkeit von seinem Experiment. Ein eher ungew\u00f6hnlicher Weg, wenn man betrachtet, wie Forschungsergebnisse sonst kommuniziert werden \u2013 \u00fcber Artikel in Fachzeitschriften. Um die wissenschaftliche Qualit\u00e4t der Artikel sicherzustellen, durchlaufen diese den sogenannten Peer-Review-Prozess. In diesem Vorgang werden Forschungsergebnisse von Expert*innen zun\u00e4chst anonymisiert analysiert und diskutiert. Das Ziel dabei ist, die Forschung zu verbessern und auf m\u00f6gliche Probleme aufmerksam zu machen.<br><br>Auch He Jiankui waren diese Methoden sicher nicht fremd. Er entschied sich jedoch, diese zu ignorieren, sodass wir bis heute sehr wenige Anhaltspunkte haben, um uns ein Bild von dem Experiment und den Folgen machen zu k\u00f6nnen.<br><br>Einer dieser wenigen Anhaltspunkte sind die von ihm ver\u00f6ffentlichten Videos auf der kommerziellen Plattform <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"YouTube (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCn_Elifynj3LrubPKHXecwQ\" target=\"_blank\">YouTube<\/a>. In diesen f\u00fcnf kurzen Videos versucht He seine Forschung zu erkl\u00e4ren. Viele erfahrene Wissenschaftler*innen wie Jennifer Doudna, die Entdeckerin der CRISPR\/Cas9-Genschere, lehnen dieses Vorgehen aber ab und verurteilen das Experiment. Trotz der Best\u00e4tigung \u00fcber die Durchf\u00fchrung des <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Experiments  (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/news.berkeley.edu\/2018\/11\/26\/doudna-responds-to-claim-of-first-crispr-edited-babies\/\" target=\"_blank\">Experiments<\/a> konnte der Erfolg des Versuchs jedoch bis heute nicht best\u00e4tigt werden. Umso mehr sollte man sich daher auch fragen, wie man mit solchen \u201crogue scientists\u201d umgehen soll, auch wenn in diesem Fall die Absichten vielleicht gutm\u00fctig waren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Blogbeitrag-Gruppe-2_3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3146\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> \u00a9 Hendrik Breuer <\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Melissa Bertram, Verena Nobel, Hendrik Breuer, Max Kempen und Luca M\u00fcller Ein wissenschaftliches Experiment ger\u00e4t ungeplant an die \u00d6ffentlichkeit: Zwei Babys werden geboren und kurze Zeit sp\u00e4ter wird der chinesische Wissenschaftler He Jiankui zu drei Jahren Haft verurteilt. 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