{"id":392,"date":"2023-03-01T16:08:54","date_gmt":"2023-03-01T15:08:54","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=392"},"modified":"2023-03-14T14:30:05","modified_gmt":"2023-03-14T13:30:05","slug":"expertin-oder-nicht-das-ist-hier-die-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2023\/03\/01\/expertin-oder-nicht-das-ist-hier-die-frage\/","title":{"rendered":"Expert*in oder nicht? Das ist hier die Frage\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Mascha Catalina Knipp, Marvis Owusu, Robin Timmler, Raphael Maes V\u00f6hringer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem so wichtigen Thema wie dem genome editing sind wir auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2023\/03\/01\/deliberation-wie-sollte-der-oeffentliche-deliberationsprozess-um-die-regulation-von-humaner-hereditaerer-genomeditierung-gestaltet-sein\/\" target=\"_blank\">das Wissen von Expertinnen und Experten angewiesen<\/a>. Nur wer ist ein*e<em> <\/em>Expert*in und wer gibt nur vor eine*r zu sein? Wie k\u00f6nnen wir erkennen, welcher Expert bzw. welche Expertin durch die eigenen Erkenntnisinteressen oder aus privaten Gr\u00fcnden in seiner bzw. ihrer professionellen Position beeinflusst wird?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"577\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Titelbild_EXPERTINNEN-IN-GENOM-ETHIK-1024x577.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-394\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Titelbild_EXPERTINNEN-IN-GENOM-ETHIK-1024x577.png 1024w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Titelbild_EXPERTINNEN-IN-GENOM-ETHIK-300x169.png 300w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Titelbild_EXPERTINNEN-IN-GENOM-ETHIK-768x433.png 768w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Titelbild_EXPERTINNEN-IN-GENOM-ETHIK-1536x865.png 1536w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Titelbild_EXPERTINNEN-IN-GENOM-ETHIK-2048x1154.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Was ist eigentlich Expertise?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bevor wir uns f\u00fcr eine Auswahl von Expert*innen entscheiden k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir erstmal kl\u00e4ren, wer \u00fcberhaupt ein*e Expert*in ist oder worauf man achten muss, wenn man Expert*innen zu einem gewissen Thema suchen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine passende Definition w\u00e4re die von Goodman. Dieser sagt, dass eine Person nur als Expert*in angesehen werden kann, wenn:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Person im eigenen Forschungsbereich mehr wahre Aussagen glaubt und weniger falsche Aussagen glaubt als die meisten anderen.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Person eine gewisse Bandbreite an F\u00e4higkeiten mit sich bringt, um sich diesem Bereich anzupassen und f\u00fcr neu aufkommende Fragen Antworten zu finden.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Diese Art von Definition weist eine Reihe an Schwierigkeiten auf. Eine davon w\u00e4re z.B. die Frage, wie man wahre und falsche Aussagen z\u00e4hlt oder ob alle Aussagen gleich wichtig sind. Alternativ k\u00f6nnte man die von Oliver Scholz erarbeitete Liste mit Symptomen f\u00fcr Expertise heranziehen, um zu beurteilen, ob es sich bei einer Person um eine Expertin oder einen Experten handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00e4higkeit, Probleme in einem festgelegten Bereich zu l\u00f6sen, eine Anstellung an einer Universit\u00e4t oder das regelm\u00e4\u00dfige Publizieren in dem relevanten Bereich, w\u00e4ren Symptome daf\u00fcr, dass eine Person \u00fcber relevante Expertise verf\u00fcgt. Auch Preise k\u00f6nnen hier helfen, wie z.B. ein Nobelpreis in dem jeweiligen Gebiet. Oder auch, ob die ausgew\u00e4hlte Person in Gremien oder offiziellen Institutionen eine Rolle spielt oder einen Sitz hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Entdecke die vier Arten der Expertise nach Baylis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Baylis gibt es vier verschiedene Arten von Expert*innen in wissenschaftspolitischen Debatten: reine  Wissenschaftler*innen (pure scientists), Wissenschaftsanalytiker*innen (science analysts), Themen-Bef\u00fcrworter*innen (issue advocates) und Wissenschaftsdiplomat*innen (science diplomats).<\/p>\n\n\n\n<p>Reine Wissenschaftler*innen betreiben Wissenschaft der Wissenschaft zuliebe und ihre Motivation ist nicht \u00f6konomischer, \u00f6kologischer oder politischer Natur. Sie beteiligen sich nicht an politischen oder ethischen Debatten. So hat beispielsweise der Mikrobiologe Francisco Mojica, aus reiner Neugier heraus, als einer der ersten <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2023\/03\/01\/die-wichtigsten-begriffe-rund-ums-genome-editing\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">CRISPR<\/a> charakterisiert. Wissenschaftsanalytiker*innen stellen politisch relevante Informationen zur Verf\u00fcgung, mit dem Ziel, die politische Entscheidungsfindung zu unterst\u00fctzen. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, komplexe wissenschaftliche Forschung Laien zug\u00e4nglich zu machen. Wissenschaftsanalytiker*innen k\u00f6nnten beispielsweise Fragen bez\u00fcglich bestimmter Risikofaktoren, welche durch <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2023\/03\/01\/die-wichtigsten-begriffe-rund-ums-genome-editing\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Keimbahninterventionen<\/a> hervorgerufen werden, beantworten, indem sie Daten und Studien interpretieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Themenbef\u00fcrworter*innen betreiben Aktivismus oder gegebenenfalls Lobbyismus, mit dem Ziel, eine politische Bef\u00fcrwortung f\u00fcr eine Agenda zu schaffen. In diesem Zusammenhang kann der Wissenschaftler Josiah Zayner genannt werden, der sich \u00f6ffentlich daf\u00fcr ausgesprochen hat, dass die sexuelle Reproduktion die schlechtere Geneditierungsvariante darstellt. Er argumentiert damit f\u00fcr die Produkte seines Unternehmens.<\/p>\n\n\n\n<p>Wissenschaftsdiplomat*innen stellen eine Schnittstelle zwischen Politik, \u00d6ffentlichkeit und Wissenschaft dar. H\u00e4ufig sind sie es, die sich f\u00fcr mehr Zeit einsetzen, um eine sorgf\u00e4ltige und reflektierte Debatte zu betreiben, konkurrierende Interessen abzuw\u00e4gen und Institutionen zu schaffen, die beide zuvor genannten Punkte gew\u00e4hrleisten. Die meisten der Wissenschaftsdiplomat*innen sprechen sich f\u00fcr ein Moratorium aus. Im Falle von Keimbahninterventionen fordern viele Wissenschaftsdiplomat*innen ein tempor\u00e4res Verbot der Editierung des menschlichen Erbgutes in der Keimbahn.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Zwiespalt der Expertise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In wissenschaftlichen Diskursen kommt es immer wieder zum Austausch von Wissenschaftler*innen, Expert*innen und Laien. Eine sachliche Aufkl\u00e4rung ist wichtig, damit alle auf einem \u00e4hnlichen Wissenstand sind und faktenbasierend argumentieren k\u00f6nnen \u2013 schlie\u00dflich haben Expert*innen aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung mehr Wissen auf ihrem Fachgebiet und sind deswegen aus den Diskursen nicht wegzudenken. Man unterscheidet zwischen zwei Arten des Einflusses, den sie auf den wissenschaftlichen Diskurs nehmen k\u00f6nnen \u2013 den internen und den externen Einfluss.<\/p>\n\n\n\n<p>Externe Einfl\u00fcsse bestehen bspw. in der Bestimmung von Rahmenbedingungen, also wer z.B. an dem Diskurs teilnehmen darf. Oft werden Debatten zu Keimbahninterventionen auf wissenschaftlichen Konferenzen gef\u00fchrt, zu denen nur ein eingeschr\u00e4nkter Zugang f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bzw. nur sehr selten die M\u00f6glichkeit aktiv zu partizipieren besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der interne Einfluss l\u00e4sst sich am besten anhand von gew\u00e4hlten Kommunikationsmustern beschreiben. So f\u00e4llt es beispielsweise auf, wenn bestimmte Techniken oder bewusst gew\u00e4hlte Metaphern und Worte positiv oder negativ konnotierter Form verwendet werden (framing). Ein zentrales Beispiel bez\u00fcglich des Umgangs mit Interventionen in die menschliche Keimbahn ist Jennifer Doudna. Durch ihre Erfindung der CRISPR\/Cas-Genschere, pr\u00e4gte sie die Entwicklung und den Fortschritt von Eingriffen in das menschliche <a href=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2023\/03\/01\/die-wichtigsten-begriffe-rund-ums-genome-editing\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Genom<\/a> ma\u00dfgeblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu ihrem Einfluss und ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit tr\u00e4gt nicht nur ihr Beruf als anerkannte Genetikerin und ihr Nobelpreis bei, sondern ebenfalls ihre Kommunikationstechnik. So verwendet sie Begriffe wie <em>responsible pathway<\/em> oder <em>prudent way forward<\/em>. Dies suggeriert, dass der Weg bez\u00fcglich des Eingreifens in die Keimbahn im vollen Gange und unaufhaltbar sei. Sie setzt uns vor vollendete Tatsachen. In einem Beitrag, welcher auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=RIwCltgb9yI\" target=\"_blank\">YouTube<\/a> zu sehen ist, wird zudem in nicht unbedingt transparenter Form von m\u00f6glichen Risiken und Problemen berichtet. Im ersten Moment wirkt sie wie ein pure scientist, kann aber im n\u00e4chsten Schritt auch als issue advocat eingeordnet werden. So ist sie beispielsweise ebenfalls gepr\u00e4gt von einem Interessenkonflikt bez\u00fcglich ihrer einerseits wissenschaftlichen Entdeckung, mit welcher sie in Verbindung gebracht wird und welche sie f\u00f6rdern m\u00f6chte. Andererseits verfolgt sie auch ein finanzielles Interesse. Sie hat mehrere Firmen gegr\u00fcndet, welche sich mit CRISPR\/Cas und der Gentechnik bez\u00fcglich m\u00f6glicher Keimbahninterventionen auseinandersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Expertise in \u00f6ffentlichen Diskursen ist also nicht ausschlie\u00dflich ein neutrales Informieren und Empfehlen, sondern es schwingt meist auch ein \u2013 nicht unbedingt bewusstes \u2013 Eigeninteresse mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun seid ihr gefragt: Welches der Twitterprofile geh\u00f6rt einem Experten bzw. einer Expertin im Bereich des <em>genome editing<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"577\" src=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/3-Grafik-1024x577.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-393\" srcset=\"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/3-Grafik-1024x577.png 1024w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/3-Grafik-300x169.png 300w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/3-Grafik-768x433.png 768w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/3-Grafik-1536x865.png 1536w, https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/3-Grafik-2048x1154.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Mascha Catalina Knipp, Marvis Owusu, Robin Timmler, Raphael Maes V\u00f6hringer Bei einem so wichtigen Thema wie dem genome editing sind wir auf das Wissen von Expertinnen und Experten angewiesen. 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