{"id":81,"date":"2020-09-13T10:17:00","date_gmt":"2020-09-13T10:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/?p=81"},"modified":"2023-02-08T10:18:35","modified_gmt":"2023-02-08T10:18:35","slug":"nachgemacht-oder-original-wie-authentisch-ist-tiktok-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/buergeruni.hhu-blog.de\/index.php\/2020\/09\/13\/nachgemacht-oder-original-wie-authentisch-ist-tiktok-wirklich\/","title":{"rendered":"Nachgemacht oder Original: Wie authentisch ist TikTok wirklich?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>von Marlena Flachs, Nora Fleing, Lara Scheipers, Milena Schleier und Alina Sch\u00fctz<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www3.hhu.de\/buergeruni\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Collage-Blogpost-TikTok-Neu-1024x576.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1847\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Fotos: Canva \/ Pexels<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDarf ich deine Hausaufgaben abschreiben?\u201c \u2013 \u201eJa, aber mach\u2019s nicht zu<br> offensichtlich.\u201c Das erkl\u00e4rt das Prinzip von TikTok wohl am leichtesten, l\u00e4sst<br> gleichzeitig jedoch einige Lu\u0308cken offen. NutzerInnen suchen sich einen Sound oder<br> eine Challenge aus und filmen ein Video mit oftmals der gleichen Choreografie wie alle<br> anderen \u2013 gleich, aber doch ein bisschen anders \u2013 und erreichen damit eine Reichweite<br> von Millionen Zuschauer*innen. Das Thema Selbstdarstellung ist dabei stets pr\u00e4sent. In den kurzen Videos inszenieren sich die Nutzer*innen, indem sie sich zu den<br> ausgew\u00e4hlten Songs pr\u00e4sentieren. Doch wie individuell und pers\u00f6nlich k\u00f6nnen sich<br> Nutzer*innen auf der Plattform u\u0308berhaupt darstellen?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Authentizit\u00e4t auf TikTok<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um von Authentizit\u00e4t in sozialen Medien sprechen zu k\u00f6nnen, muss zun\u00e4chst gekl\u00e4rt<br> werden, was es u\u0308berhaupt bedeutet, authentisch zu sein. Der Begriff \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c<br> meint im Rahmen dieses Beitrags, sich individuell und pers\u00f6nlich in Social Media zu<br> zeigen. Dabei geht es nicht nur darum, wie viel Personen aus ihrem pers\u00f6nlichen Alltag<br> teilen wollen, sondern auch darum, wie glaubwu\u0308rdig und realit\u00e4tsnah die Inhalte auf<br> der Plattform sind. Im Vordergrund stehen hier die Intentionen der User*innen oder auch die Echtheit der Inhalte. Ersteres meint beispielsweise, ob Nutzer*innen hinter<br> ihrem Content stehen oder alles nur produzieren, um damit aufzufallen und ihren<br> Bekanntheitsgrad zu steigern. Letzteres betrifft die Originalit\u00e4t des Contents. Ist ein<br> Inhalt nachgeahmt oder inszeniert, ist er nicht \u201eecht\u201d im Sinne von \u201eein Original<br> sein\u201c. Besonders bei TikTok kann es schwierig sein, gespielte Authentizit\u00e4t zu<br> erkennen, da viele der Videos trotz der Inszenierung davon leben, spontan und \u201eecht\u201d<br> zu wirken.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie funktioniert TikTok?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Besondere der Social-Media-Plattform ist der verwendete Medientyp: es k\u00f6nnen<br> ausschlie\u00dflich Videos hochgeladen werden. Anders als bei Instagram oder Facebook<br> werden auf der Startseite von TikTok keine abonnierten Inhalte angezeigt, sondern die<br> \u201eFor-You\u201c-Page. Hier sehen die Nutzer*innen vom Algorithmus vorgeschlagene Videos. Diese werden auf Grundlage von Popularit\u00e4t oder Viralit\u00e4t durch den Algorithmus und des Like-Verhaltens der jeweiligen User*innen ausgew\u00e4hlt. Es geht dementsprechend um Videos, die eine starke Reaktion in Form von Downloads, Likes, Shares etc. hervorrufen. Dafu\u0308r sollten die Inhalte fu\u0308r die User*innen leicht zug\u00e4nglich und strukturiert sein. Das hei\u00dft, dass sie alltagsnah und nicht zu komplex gestaltet sind. Wie auch auf anderen Plattformen k\u00f6nnen Hashtags wie #foryou oder #fyp (kurz fu\u0308r: #foryoupage) dazu genutzt werden, um die Reichweite des Videos zu erh\u00f6hen. Das Besondere an TikTok ist, dass entgegen anderer Netzwerke beim Erstellen von Inhalten oft auf der gleichen Basis \u2013 wie etwa demselben Sound \u2013 begonnen wird. Die sogenannte \u201eRenegade-Challenge\u201d veranschaulicht den viralen Mechanismus. Die 14-J\u00e4hrige Jalaiah Harmon hat auf der Grundlage des Liedes \u201eLottery\u201d von K CAMP eine Choreografie entwickelt, welche nun weltweit bekannt ist. Wenn Nutzer*innen an der Challenge teilhaben m\u00f6chten, mu\u0308ssen diese den vorhandenen Sound dem eigenen Video hinzufu\u0308gen. Dadurch wird ihr Video zusammen mit allen anderen, die diesen Sound verwenden, unter jenem Sound gelistet. Somit baut man auf einer gemeinsamen Basis eine Challenge auf (eine Zusammenstellung verschiedener Beispiele dieser Challenge unter: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FukgMwwdwPM (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FukgMwwdwPM\" target=\"_blank\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FukgMwwdwPM<\/a>). Urheberrechte des verwendeten Materials werden dabei jedoch selten beachtet. Anhand verschiedener Filter, Texttools und Bearbeitungswerkzeuge k\u00f6nnen User*innen ihre Videos anschlie\u00dfend gestalten, schneiden und somit potenziell auch ihre eigenen Stories erz\u00e4hlen. Durch die aktive Teilnahme kann diesbezu\u0308glich nicht nur auf Trends reagiert, sondern ebenso die Aufmerksamkeit fu\u0308r eigenen Content gef\u00f6rdert werden. TikToks Algorithmus ist so programmiert, dass jedes Video zu einem viralen Erfolg werden kann. Jedoch muss ebenfalls beru\u0308cksichtigt werden, dass TikTok selbst Inhalte massiv steuert und zensiert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fehlende Authentizit\u00e4t aufgrund von Nachahmung und selbstoptimierter Darstellung?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Social-Media-Plattformen wie TikTok animieren dazu, sich an \u00e4u\u00dferen Standards zu<br> orientieren. Performances und Choreografien bekannter Stars, Hit-Songs und aktuelle<br> Trends und Challenges werden von den TikTok-User*innen u\u0308bernommen und imitiert. Sie werden ein Stu\u0308ck weit zu einer Eigenkreation transformiert, doch l\u00e4sst sich oftmals der Nachahmungsprozess dahinter zweifelsfrei identifizieren. Teilweise stellen die Content-Creators diesen bewusst heraus, indem sie die Performances der Stars und ihre eigene im direkten Vergleich gezielt nebeneinanderstellen. Dies l\u00e4sst sich beispielhaft an den beiden Jugendlichen Miki und Mati aufzeigen, die die Choreos der beiden bekannten TikTok-Stars Lisa und Lena nahezu identisch imitieren und ihr Video in Form eines Duetts neben das Original stellen (siehe: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"https:\/\/vm.tiktok.com\/JduUUEp\/ (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/vm.tiktok.com\/JduUUEp\/\" target=\"_blank\">https:\/\/vm.tiktok.com\/JduUUEp\/<\/a>). Meistens werden solche Nachahmungs-Videos jedoch nicht in einem direkten Nebeneinander (Duett) publiziert, sondern eigenst\u00e4ndig pr\u00e4sentiert. Die Bezeichnung von Reaktionsvideos auf TikTok als \u201eDuett\u201d verdeutlicht nochmals das Ideal der Plattform, die Nutzer*innen als Gemeinschaft zu vereinen. Zu den derzeitigen Trends, an denen sich die herrschende Reproduktionspraxis auf TikTok nachweisen l\u00e4sst, z\u00e4hlen die bereits erw\u00e4hnte \u201eRenegade-Challenge\u201d oder auch die aktuelle \u201eThis Is My Voice Compilation\u201c, bei der die Imitation von unterschiedlichen Stimmen im Vordergrund steht (siehe hierfu\u0308r: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Hs-xDZzJq-4 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Hs-xDZzJq-4\" target=\"_blank\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Hs-xDZzJq-4<\/a>). Daru\u0308ber hinaus k\u00f6nnen auch \u00e4ltere Songs oder Choreografien wieder popul\u00e4r werden, wie auch die Choreografie des \u201eHigh School Musical\u201d-Songs \u201eWe are all in this together\u201d (siehe: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0uGBkVHFO0k (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0uGBkVHFO0k\" target=\"_blank\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0uGBkVHFO0k<\/a>), um den Zusammenhalt in der Coronakrise zu verdeutlichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Darsteller*innen optimieren sich selbst und ihr Leben anhand von Vorlagen, von bekannten Pers\u00f6nlichkeiten. Die Anpassung steht hier im Fokus und eine \u201ekollektive Identit\u00e4t\u201c wird diskursbestimmend. Nutzer*innen auf TikTok zielen darauf ab, sich als<br> ein Mitglied einer sozialen Gruppe zu fu\u0308hlen und streben weniger danach, eine<br> unverwechselbare und individuelle Pers\u00f6nlichkeit auszubilden und zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andererseits nutzen einige User*innen die Plattform auch, um private Details aus ihrem Leben zu teilen. Die Lyrics \u201egirls wanna play with boys and the boys wanna play with girls and the girls wanna play with girls, boys wanna play with boys\u201d werden beispielsweise verwendet um Freundinnen und Familienangeh\u00f6rigen die eigene Sexualit\u00e4t zu offenbaren (siehe: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=15Ak8L9MbVE (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=15Ak8L9MbVE\" target=\"_blank\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=15Ak8L9MbVE<\/a>). Auch hier kann von einem Trend gesprochen werden, da sich der Kontext \u2013 das Outing \u2013 immer wiederholt. Im Gegensatz zu den T\u00e4nzen kann hier aber eher von einer authentischen Selbstdarstellung gesprochen werden, da die Nutzerinnen eine private Information ver\u00f6ffentlichen. Ein \u201eGeheimnis\u201d wird \u00fcber Social Media geteilt und die Rezipient*innen des Videos f\u00fchlen sich mit einbezogen. Einige Nutzer*innen offenbaren ihre Sexualit\u00e4t in dem Video nur ihren Follower*innen, andere zeigen gescheiterte Outing-Versuche, bei denen ihren Eltern beispielsweise nicht klar wird, was durch den Sound impliziert wird. Die Spontanit\u00e4t und die unvorhersehbare Reaktion auf das Outing l\u00e4sst die Videos besonders authentisch wirken. Trotzdem muss betont werden, dass in der Mehrzahl der Videos das Outing von den Au\u00dfenstehenden als positiv gewertet wird. Wie auf allen Social Media Plattformen ist fraglich, ob die Trends repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Gesellschaft sind und inwiefern sie eine Filterblase darstellen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">TikTok ist eine Plattform, die es User*innen erm\u00f6glicht, viral zu gehen. Die Beispiele zeigen, dass es durchaus m\u00f6glich ist, sich authentisch auf TikTok zu pr\u00e4sentieren. Allerdings zeugen die verschiedenen Inszenierungsstrategien eher davon, dass Authentizit\u00e4t gegenu\u0308ber einer u\u0308berzeugenden Darstellungsleistung eine untergeordnete Rolle spielt. Dabei ist es schwierig, die tats\u00e4chliche Motivation hinter einem Video zu erkennen: Geht es um Likes oder pers\u00f6nliche Selbstoffenbarung? Mit den Videos werden neben den Follower*innen auch anonyme Gruppen auf der \u201eFor You-Page\u201d angesprochen. Daher sollten die Inhalte leicht zug\u00e4nglich und strukturiert sein, damit sich die Zuschauer*innen mit den Videos identifizieren k\u00f6nnen. Somit fu\u0308hlen sich die Nutzer*innen durch eine kollektive Identit\u00e4t verbunden, auch wenn die Inhalte der Videos nicht unbedingt authentisch sein m\u00f6gen. Vielleicht liegt es genau an diesem Kollektiv, dass Tiktok so einen Erfolg erzielt und Nr.1 im deutschen App Store in der Kategorie \u201eUnterhaltung\u201d ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Marlena Flachs, Nora Fleing, Lara Scheipers, Milena Schleier und Alina Sch\u00fctz \u201eDarf ich deine Hausaufgaben abschreiben?\u201c \u2013 \u201eJa, aber mach\u2019s nicht zu offensichtlich.\u201c Das erkl\u00e4rt das Prinzip von TikTok wohl am leichtesten, l\u00e4sst gleichzeitig jedoch einige Lu\u0308cken offen. 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