von Viktoria Dickel, Stavros Raptopoulos, Noah Wiesner, Lena Borchardt
“Der Nachweis, dass der Klimawandel menschengemacht ist – also allein, monokausal, der ist doch gar nicht erbracht.“ Das hat Alice Weidel, Co-Vorsitzende der AfD, 2025 im ARD-Sommerinterview gesagt.
Sie ist bei weitem nicht die erste Person, die eine solche Behauptung aufstellt. Vielmehr reiht sie sich in eine lange Serie ähnlicher Argumentationsmuster ein, die bis zum Kalten Krieg zurückreicht.
Aber wie hängt denn nun ein Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion aus der Mitte des letzten Jahrhunderts mit der heutigen Klimaleugnung zusammen? Das klingt zunächst sehr weit hergeholt. Die Antwort liegt in einer Ideologie, dem sogenannten Marktfundamentalismus. Was das eigentlich genau ist und wie man von dieser Ideologie auf einmal zur Klimaleugnung kommt, erzählen wir euch in diesem Beitrag.

Was ist überhaupt Marktfundamentalismus?
Der Marktfundamentalismus ist eine wirtschaftsliberale Ideologie des Kapitalismus, die als neoliberalistisch eingestuft wird. Marktfundamentalist*innen vertreten die Position, dass gesellschaftliche Probleme nur durch ein liberales Wirtschaftssystem gelöst werden können. Der freie Markt, in dem alle ungehindert ihre eigenen Interessen verfolgen können, befinde sich in einem Gleichgewicht. Dieses würde überhaupt erst durch äußere Einflüsse gestört, gemeint sind damit vor allem staatliche Eingriffe.
Kritiker*innen des Marktfundamentalismus sind jedoch der Ansicht, dass der freie Markt gar nicht in der Lage ist, alle Probleme eigenständig zu lösen. Wie die Wissenschaftshistoriker*innen Naomi Oreskes und Erik M. Conway zeigen, wird es für Marktfundamentalist*innen dann problematisch, wenn sie das anerkennen müssten. Dieses Szenario erläutern wir am Beispiel der Klimakrise.
Politische Hintergründe der Klimaleugnung
Um die Argumente gegen den Klimawandel besser nachvollziehen zu können, geben wir euch einen kurzen geschichtlichen Überblick über die Debatte.
In den 1970er Jahren warnte die Wissenschaft bereits davor, dass ein steigender CO2-Ausstoß zu einer globalen Klimaerwärmung und diese wiederum zu einem immer größeren Problem für die Menschheit führen würde. Diese Warnung rückte allerdings wegen unterschiedlicher Faktoren in den Hintergrund.
Zum einen wurde anderen Themen deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Zum anderen fand eine starke Diskreditierung durch überwiegend fachfremde Wissenschaftler*innen aus der amerikanischen Politikberatung statt.
Im Kontext des Kalten Krieges unterstellten sie Klimawissenschaftler*innen Nähe zum Kommunismus und damit auch Nähe zur Sowjetunion, um ihre Glaubwürdigkeit gegenüber der Öffentlichkeit zu mindern.
“Die Wissenschaft ist gespalten!” Ein verzerrtes Bild in den Medien
Ein Beispiel dafür ist das amerikanische Marshall-Institut, welches lautstark wissenschaftliche Randpositionen verbreitete und Klimawissenschaftler*innen, die eine “Mainstream”-Position vertraten, heftig kritisierte.
In der Folge wurde das falsche Bild vermittelt, die Klimawissenschaft sei gespalten und die Forschungsergebnisse seien nicht ausreichend, um von einem menschengemachten Klimawandel zu sprechen. Nach dem Ende des Kalten Krieges, ab etwa 1990, wurde der Klimawandel dann wissenschaftlich noch stärker diskutiert und erforscht. Dass die Klimaerwärmung menschengemacht ist, war zu diesem Zeitpunkt bereits wissenschaftlicher Konsens.
Warum wurde dieser Konsens aber nicht uneingeschränkt anerkannt? Die Argumente gegen den Klimawandel, die während des Kalten Krieges verwendet wurden, haben sich bis heute hartnäckig gehalten. Sie finden vor allem dann Anwendung, wenn politische Regulierungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, also zum Beispiel Klimaschutzmaßnahmen, diskutiert werden.
In einem Interview sagt Oreskes, dass sie einen Zusammenhang zwischen der systematischen Anzweiflung wissenschaftlicher Beweise und der Wirtschaftsideologie des Marktfundamentalismus sieht.
Wie genau sieht dieser Zusammenhang jetzt aus?
Studien belegen eindeutig, dass Unternehmen die größten Verursacher von CO2-Emissionen sind. Staatliche Regulierung allerdings würde in den meisten Fällen bedeuten, dass Unternehmen finanzielle Verluste erleiden. Weil Unternehmen grundsätzlich finanziell motiviert sind, wollen sie sich aus diesem Grund mit allen Mitteln einer solchen Regulierung entziehen oder sie zumindest verlangsamen.
Hier kommt die Klimaleugnung als Instrument zum Einsatz. Um einen freien, staatlich nicht kontrollierten Markt zu fördern, werden wissenschaftliche Ergebnisse falsch dargestellt und Klimaexpert*innen wird ihre Expertise abgesprochen.
Hier noch ein Disclaimer zum Ende des Beitrags: Marktfundamentalismus ist selbstverständlich nicht der einzige Hintergrund für Argumente der Klimaleugnung. Die Klimadebatte ist auch nicht der einzige Bereich, auf den die marktfundamentalistische Ideologie einen großen Einfluss hat.
Ein kleines Schlusswort
Wir hoffen, dass wir mit unserem Beitrag den Argumente-Dschungel etwas entwirren konnten. Falls ihr Interesse habt, euch weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen, haben wir euch im Anschluss eine kleine Literaturliste zusammengestellt.
Weiterführende Literatur für besonders Interessierte:
(Leider sind die Bücher beziehungsweise Kapitel nicht frei verfügbar. Ihr findet aber mithilfe der Links weitere Informationen sowie die ISBN-Nummern, solltet ihr euch die Bücher anschaffen wollen.)
Söllner, Fritz (2021):Die Geschichte des ökonomischen Denkens: Eine kritische Darstellung. Berlin: Springer Gabler.
https://www.econbiz.de/Record/die-geschichte-des-%C3%B6konomischen-denkens-eine-kritische-darstellung-s%C3%B6llner-fritz/10012422864
Oreskes, Naomi & Conway, Erik M. (2008): Challenging Knowledge: How Climate Science Became a Victim of the Cold War. In: Proctor, Robert N. & Schiebinger, Londa (Hg.): Agnotology. The Making and Unmaking of Ignorance. Stanford, California: Stanford University Press, S.55-89.
https://philpapers.org/rec/PROATM
Oreskes, Naomi & Conway, Erik M. (2010): Merchants of Doubt. How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming. New York: Bloomsbury Press.
https://philpapers.org/rec/OREMOD
Viktoria Dickel, Stavros Raptopoulos, Noah Wiesner und Lena Borchardt haben diesen Blogbeitrag im Rahmen des Seminars “Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken. Fokus: Klimawissenschaften“ an der HHU erstellt. Viktoria und Lena studieren Philosophie, Noah studiert Geschichte und Stavros studiert Biologie.