Vertrauen ist gut, Handeln wäre besser: Warum wir die Welt retten wollen, aber nicht aktiv werden

von Aylin Yilmaz, Tristan Peters, Christine Weberskirch, Fabien Eilers

Das Vertrauen in die Wissenschaft ist hoch. Wir glauben an den menschengemachten Klimawandel und werden täglich mit den fatalen Auswirkungen konfrontiert: Hochwasser, Brände oder auch sinkende Biodiversität.

Wie kann es dann sein, dass wir nicht alle Hebel in Bewegung setzen, um etwas dagegen zu unternehmen?

Vertrauen in die Wissenschaft ist hoch

Entgegen dem allgemeinen Eindruck in der Gesellschaft ist das Vertrauen in die Wissenschaft hoch. Ungefähr 65 % der deutschen Bevölkerung vertrauen der Wissenschaft vollständig, 35% zum Teil und nur ein geringer Teil von 5-10 % vertraut der Wissenschaft nicht. Dabei lässt sich grundsätzlich zwischen dem Vertrauen in die Wissenschaft als Institution und dem Vertrauen in einzelne Wissenschaftler*innen unterscheiden. Ein Grund für die hohen Vertrauenswerte ist die Qualitätssicherung in der Wissenschaft, bspw. durch Peer Reviews, unabhängige Finanzierung, Transparenz, Reproduktion und Qualifikation.

Wissenschaftsbarometer 2024

Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten

Dennoch fällt auf, dass in einigen Fällen Personen entgegen ihrem angegebenen Vertrauen handeln. Obwohl die überwiegende Mehrheit in Studien angibt, dass sie den Wissenschaften und Wissenschaftler*innen vertrauen, handeln sie häufig nicht nach den Ergebnissen der Forschungen.

Die oben angeführten Zahlen bestätigen sich auch mit Blick auf die Klimakrise. Ungefähr zwei Drittel der deutschen Bevölkerung glaubt an den menschengemachten Klimawandel, der Konsens in der Wissenschaft über die Klimakrise und ihre fatalen Auswirkungen besteht fast vollständig. Die Verschmutzung und Zerstörung der Erde führen schon heute zu Naturkatastrophen und erschwerten Lebensbedingungen auf der ganzen Welt. Und dennoch sehen wir in unserem Alltag wenige Veränderungen im Handeln unserer meisten Mitmenschen und der Politik.

Diese Diskrepanz zwischen der Einstellung und dem eigenen Verhalten sehen wir täglich: Viele fahren mit dem Auto zur Arbeit, fliegen weiterhin per Flugzeug in den Urlaub oder konsumieren weiterhin tierische Produkte aus Massentierhaltung, obwohl es in den meisten Fällen klimafreundlichere und nachhaltigere Optionen gibt.

Von RichardDrawing über Pixabay

Welche Gründe gibt es für diese Diskrepanz?

Die Ursachen sind vielfältig. Zum einen gibt es Schwierigkeiten beim Messen von Vertrauen in die Wissenschaft, sodass die Vertrauenswerte höher ausfallen könnten, als sie tatsächlich sind. Zum anderen gibt es kognitive und praktische Hürden im Alltag, die Appelle der Wissenschaft in Handlungen umzuwandeln.

Beim Messen von Vertrauen wird z.B. selten zwischen interpersonellen oder institutionellen Vertrauen unterschieden, also ob jemand den Wissenschaftler*innen oder den Institutionen vertraut. Außerdem werden situative Veränderungen, emotionale Komponenten und verschiedene Dimensionen von Vertrauen nicht berücksichtigt. Jemand kann aufgrund persönlicher Erfahrungen bspw. bestimmten Wissenschaftler*innen der Medizin misstrauen und gleichzeitig in anderen Bereichen der Wissenschaft vollstes Vertrauen haben.

Es ist außerdem gut möglich, dass jemand zwar davon überzeugt ist, dass einzelne Wissenschaftler*innen fachlich kompetent sind, zugleich aber daran zweifelt, ob sie im Interesse der Gesellschaft handeln. Um wirklich nach Empfehlungen eines Forschenden zu handeln, ist aber genau das wichtig: Vertrauen zu haben, dass Wissenschaftler*innen nicht nur das Wissen, sondern auch gute Absichten einem gegenüber haben. Eine offene Kommunikation von Seiten der Wissenschaft ist dabei zentral: Welche Risiken und Vorteile sind mit Handeln oder Nicht-Handeln verbunden? Welche Sorgen und Einwände gibt es in der Gesellschaft – und wie lassen sich diese ernsthaft aufgreifen?

Neben Vertrauen gibt es im Alltag weitere Hürden für klimafreundliches Handeln. Kosten und Bequemlichkeit beeinflussen Konsumentscheidungen stark: Wenn nachhaltige Alternativen teurer sind oder mehr Recherche erfordern, greifen die meisten Menschen zu gewohnten Produkten und Dienstleistungen. Zu viele oder zu wenige Informationen, versteckte negative Umweltauswirkungen oder bewusste Täuschung wie Greenwashing können frustrieren und Dilemmata erzeugen.

Hinzu kommt ein kognitiver Faktor: Unserem Gehirn fällt es schwer, abstrakte Gefahren in der Zukunft richtig einzuschätzen. Die heutigen Kosten durch das Ändern von Gewohnheiten wirken unmittelbarer und greifbarer als der Nutzen, den wir später daraus ziehen.

Wie löst man diese Diskrepanz?

Um vom Vertrauen ins Handeln zu kommen, ist es in der Wissenschaftskommunikation wichtig, dass nicht nur das Vertrauen in die Fachkompetenz aufgebaut wird, sondern auch in Wohlwollen, Ehrlichkeit und Offenheit. Bei angebotenen Gütern ist eine transparente, leicht zu verstehende Information zur Nachhaltigkeit und die Folgen für den Klimawandel hilfreich. Um dann tatsächlich Gewohnheiten zu ändern, hilft vor allem auch das Verhalten der Masse. Wenn man etwas mit mehreren zusammen macht oder generell das Gefühl hat, dass das immer mehr Menschen machen, fällt es deutlich leichter, auch selbst sein Verhalten zu ändern.

Zum Weiterlesen:

Sieben psychologische Barrieren – wie die “Drachen der Untätigkeit” Menschen daran hindern Wissen in Klimamaßnahmen umzusetzen (en)

Informationstool: Handlungsbarrieren erkennen und reflektieren

Klimabewusstsein in Deutschland – wo Menschen ihr Verhalten bereits ändern und wo der Alltag noch bremst

Aylin Yilmaz, Tristan Peters, Christine Weberskirch und Fabien Eilers studieren an der Heinrich-Heine Universität PPE (Philosophy, Politics and Economics) im Bachelor. Dieser Blogbeitrag ist im Rahmen des Seminars „Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken (Fokus Klimawissenschaften)” entstanden. 

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