Wie die AfD Pseudoexpert*innen nutzt, um Klimapolitik zu untergraben

von Hannah van Eimern, Ivette Kisters, Victoria Tessa Bock, Finn Pütz und Niklas Ronneburg

„(…) CO2 hat keinen Einfluss auf das Klima. Deshalb hat auch die menschliche Verbrennung keinen Einfluss auf das Klima, und deswegen haben auch die CO2-Emissionen der Industrieländer keinen Einfluss auf das Klima.” Dieser Satz stammt vom vermeintlichen Klimaexperten Dr. Peter Vögele, der 2022 von der AfD als Sachverständiger in den Bundestag eingeladen wurde. Der Physiker behauptet von sich selbst, sich seit 30 Jahren mit der Klimaproblematik auseinanderzusetzen, jedoch kann man keine eigene Forschung von ihm zu diesem Bereich finden. Dies passt in das von der AfD verfolgte Schema: Parteien können ohne Beleg für die Expertise „Sachverständige” vorschlagen, welche in Gremien des Bundestages angehört werden müssen.

Klimapolitik sollte in demokratischen Systemen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Doch was passiert, wenn eine Partei wissenschaftliche Expertise nicht nur anzweifelt, sondern sie systematisch untergräbt und durch vermeintliche Alternativen ersetzt? Eine aktuelle Studie der Politikwissenschaft zeigt am Beispiel der AfD, wie populistische Parteien bewusst pseudowissenschaftliche und wissenschaftsferne Quellen nutzen, um die Legitimität von Klimaschutzmaßnahmen zu untergraben und Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen zu erschüttern. Aber wie macht die AfD das?

OpenAI. KI-generiertes Bild: Pseudowissenschaft. Erfüllt mit ChatGPT (DALL·E), 2026.

Die AfD lehnt Wissenschaft nicht grundsätzlich ab – sie nutzt sie nur selektiv

Die AfD lehnt Wissenschaft nicht pauschal ab. Stattdessen beruft sie sich gezielt auf wissenschaftlich klingende Aussagen, wenn diese ihren politischen Positionen nützen. Dabei geht es um eine strategische Auswahl von „Expertise“, die zur eigenen Erzählung passt. So werden Expert*innen in den Bundestag eingeladen, die entweder Außenseiterpositionen vertreten oder deren Aussagen nicht den Standards wissenschaftlicher Forschung entsprechen. Trotzdem werden diese Personen als „wissenschaftliche Autoritäten“ präsentiert, was die Grenze zwischen fundierter Forschung und Meinung bewusst verwischt. Aber was genau ist damit gemeint?

Alle Expert*innen sind nur Expert*innen in ihrem Bereich: Wir rufen einen Klempner bei Rohrproblemen und gehen zu einer Zahnärztin bei Zahnschmerzen – wir würden bei Zahnschmerzen auch nicht den Klempner rufen oder zum Hautarzt gehen. Genauso gilt in der Wissenschaft: Wer auf einem Fachgebiet Expertise hat, kann nicht automatisch fundierte Aussagen zu einem anderen Gebiet treffen. Die AfD lädt regelmäßig Sachverständige ein, die zwar über eine Professur oder einen Doktortitel verfügen, jedoch nicht auf einem klimabezogenen Gebiet arbeiten. Diese Titel werden dann als Beleg für Kompetenz in der Klimawissenschaft genutzt. Peter Vögele ist ein Beispiel für einen solchen alternativen Fachexperten.

Pseudowissenschaft als Werkzeug politischer Polarisierung

Die AfD nutzt vor allem fünf Strategien, um pseudowissenschaftliche Meinungen zu verbreiten.

  1. Das Infragestellen wissenschaftlicher Standards: Abgeordnete der AfD wiederholen regelmäßig Aussagen aus pseudowissenschaftlichen Quellen. Sie behaupten, dass Klimamodelle unzuverlässig oder ungenügend sind. Allerdings gehen sie dabei stark selektiv vor. Zum Beispiel behaupten Sie, dass Klimawandelmodelle „wichtige Einflussfaktoren“ wie die Sonne ignorieren würden.
  2. De-Kontextualisierung wissenschaftlicher Forschung: Wissenschaftliche Bemerkungen werden aus dem Kontext gerissen und politisiert. Die AfD erweckt dadurch den Eindruck, die Forschung stünde kurz vor einem Umbruch und wäre nicht verlässlich. Diese Aussagen traf sie basierend auf Satellitenbildern, welche jedoch nur kurzfristige Waldentwicklungen zeigten.
  3. Anti-Eliten-Rhetorik und Verschwörungsdenken: Die AfD stellt Klimaforschung oft als „Instrument der Eliten“ dar. Sie unterstellt Eliten persönliche oder wirtschaftliche Vorteile aus Klimaschutzmaßnahmen zu ziehen. Um das Bild der Gegner*innen zu schärfen, wird oft eine Ausgeprägte „Wir-gegen-Sie“ Rhetorik verwendet.
  4. Appelle an Alltagswissen und vermeintlich gesunden Menschenverstand: Komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge werden durch extrem vereinfachte Formeln oder plakative Aussagen ersetzt: „Es ist doch klar, dass CO₂ Pflanzenwachstum fördert“ – während globale Erwärmungsprozesse vollständig ausgeblendet werden.
  5. Ideologisierung von Klimawissenschaften: Die AfD nutzt bekannte wissenschaftliche Kontroversen und Unsicherheiten, um Argumente anderer Parteien umzudrehen. Klimadiskussionen werden personalisiert und Aktivisten wie Greta Thunberg persönlich angegriffen. 

Wie die AfD Wissen „integriert“ – und gleichzeitig untergräbt

Basierend auf der Studie der Freien Universität Berlin lässt sich das Vorgehen der AfD als ein dualer Prozess beschreiben: Die Partei nutzt einerseits die parlamentarische Infrastruktur zur Einbindung von Fakten, untergräbt deren Bedeutung jedoch gleichzeitig durch ein hochspezialisiertes, rechtspopulistisches Vokabular.

Die Studie zeigt, dass die AfD eine Brückenfunktion zwischen „alternativen Medien“ und dem politischen Diskurs einnimmt. Während sie in offiziellen Anfragen oft auf reale Daten zurückgreift, um Seriosität zu suggerieren, integriert sie in ihrer Kommunikation systematisch Begriffe aus rechtspopulistischen Netzwerken. Die Untergrabung der Fakten erfolgt dabei weniger durch direkte Leugnung, sondern durch die Diskreditierung der wissenschaftlichen Basis als „Ideologie“ oder „Quasi-Religion“. Durch Begriffe wie „Fake-Wissenschaft“ oder „Klimasekte“ wird der wissenschaftliche Konsens zu einer bloßen Glaubensfrage herabgestuft. Damit entzieht die AfD der faktenbasierten Politik die Grundlage: Fakten werden nicht mehr als objektive Realität anerkannt, sondern als Instrumente eines vermeintlich totalitären Systems („Öko-Stasi“) dargestellt.

Was sind die Folgen und wie können wir als Bürger*innen damit umgehen? 

Das Ergebnis ist ein politisches Klima, in dem Fakten weniger Gewicht haben, Vertrauen verloren geht und Polarisierung zunimmt. Für Klimapolitik, die dringend auf wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen ist, ist ein verzerrter Diskurs eine ernsthafte Gefahr.

Als Bürger*innen können wir aufmerksam zuhören und den politischen Diskurs aktiv hinterfragen. Im Rahmen der persönlichen Meinungsbildung ist es wichtig, Fakten persönlich zu überprüfen und sich auf verlässliche und professionelle Quellen zu beziehen.

Hannah van Eimern, Ivette Kisters, Victoria Tessa Bock, Finn Pütz und Niklas Ronneburg sind Teilnehmer*innen des Seminars „Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken. Fokus: Klimawissenschaften“, und haben sich unter anderem mit der AfD und ihrer Art, Klimapolitik zu steuern und ihrer Verwendung von Pseudowissenschaften, beschäftigt.

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