Warum „alternative“ Wissenschaften keine Alternativen sind

von Mick Abraham, Medina Demirovic, Janika Dohrn, Mikael Gerami, Sarah Hermann

Stell dir vor, jemand hält in einer Debatte plötzlich eine Grafik hoch und sagt dazu: „Siehst du? So schlimm ist das mit dem Klimawandel gar nicht. Es ist sogar eine Besserung zu sehen.“

Genauso sieht man es in einem Beitrag der Hessenschau, in dem AfD-Politiker*innen mit Daten und Grafiken argumentieren. Die Grafiken wirken zunächst objektiv, aber es werden nur Teile, also ein kleiner Ausschnitt davon gezeigt: verkürzte Zeiträume und fehlender Kontext. So passt die Darstellung aber perfekt zur eigenen Argumentation und lässt wissenschaftliche Erkenntnisse plötzlich zweifelhaft erscheinen. Es fehlt aber der Blick auf das ganze Bild.

Vergleichbare Beispielgrafik wie im Beitrag der Hessenschau, siehe oben
(https://climatereanalyzer.org/research_tools/monthly_tseries/#info)

Vielleicht kennst du das selbst: Dir wird beim Scrollen eine Statistik im Feed angezeigt und in einem Kommentar heißt es, dass man „kritisch bleiben“ soll, weil die Wissenschaft politisch oder sich uneinig sei. Solche Darstellungen können sehr überzeugend wirken, gerade wenn sie mit Zahlen und Daten arbeiten. Schaut man genauer hin, wird deutlich: Hier wird nicht der wissenschaftliche Erkenntnisstand wiedergegeben. Stattdessen wählen Akteure gezielt einzelne Informationen aus und präsentieren sie so, dass Zweifel entstehen – ohne den wissenschaftlichen Kontext zu berücksichtigen.

Mit diesem Blogbeitrag möchten wir dich dafür sensibilisieren, Vorwürfe gegen Wissenschaft kritisch zu hinterfragen und ihre argumentative Funktion im politischen Kontext zu erkennen.

Häufige Vorwürfe der „alternativen Wissenschaft“

Zu den häufigsten Vorwürfen gegen die etablierte Wissenschaft gehört der Hinweis auf finanzielle Abhängigkeiten. Kritiker*innen behaupten, Forschung sei voreingenommen, wenn sie von Unternehmen oder Organisationen finanziert werde – Forschungsergebnisse würden gewissermaßen „gekauft“.

Besonders in der Klimadebatte wird argumentiert, Studien zum menschengemachten Klimawandel seien nichts anderes als Lobbyarbeit. Hinter ihnen stehe angeblich eine „grüne“ Energielobby, die von Subventionen, Investitionen und neuen Kund*innen profitieren wolle.

Zugleich ist sich die Wissenschaft der Problematik potenzieller Interessenkonflikte bewusst. Gerade weil Forschung in vielen Bereichen auf Drittmittel angewiesen ist, sind Mechanismen zu deren Offenlegung und Begrenzung fest im wissenschaftlichen System verankert.

Quelle: Canva

Um solche Risiken zu begrenzen, gibt es klare Schutzmechanismen. Forschende müssen mögliche Interessenkonflikte offenlegen, Studien werden von unabhängigen Wissenschaftler*innen begutachtet (Peer-Review) und wiederholt (Replikation), und im Rahmen von „Open Science“ werden Daten, Methoden und Studienpläne transparent zugänglich gemacht.

Diese Standards werden kontinuierlich weiterentwickelt. Zwar lässt sich der Einfluss finanzieller Interessen nie vollständig ausschließen, doch die etablierten Verfahren reduzieren dieses Risiko erheblich.

Bei sogenannten „alternativen Wissenschaften“ werden diese Schutzmechanismen oft ignoriert oder nur unzureichend umgesetzt. Dies schafft Raum für gezielte Einflussnahme durch finanzielle Interessen. So hat die Erdölindustrie Forschungsarbeiten finanziert, die den menschlichen Einfluss auf die globale Erwärmung herunterspielen, die Existenz der Erwärmung insgesamt infrage stellen oder Klimamodelle als unzuverlässig darstellen.

Solche Arbeiten erscheinen häufig nicht in etablierten Fachzeitschriften mit einem strengen Begutachtungsprozess, sondern in sogenannten Raubverlagen („predatory journals“), die wissenschaftliche Standards nur unzureichend anwenden und Publikationen gegen Bezahlung akzeptieren. In einigen Fällen werden zudem Personen als „Expert*innen“ präsentiert, die in dem Fachgebiet nicht über die nötige Qualifikation verfügen.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Die Vorwürfe von Interessenkonflikten treffen eher auf alternative Wissenschaften zu. Die etablierte Wissenschaft mag nicht perfekt sein, doch sie arbeitet systematisch daran, verlässliche Ergebnisse bereitzustellen.

Quelle: Canva

Der Schein von Plausibilität

Vertreter*innen alternativer Wissenschaften nutzen häufig den Eindruck von Expertise, um ihre Aussagen glaubwürdig erscheinen zu lassen. So begann etwa Klaus Gagel (AfD) seine Rede im hessischen Landtag mit den Worten „Ich bin auch Wissenschaftler.“ und verwies auf sein Meteorologiestudium. Dies kann den Eindruck erwecken, er arbeite wissenschaftlich genauso wie etablierte Klimaforschende.

Der Eindruck von Plausibilität entsteht durch die gezielte Verwendung von Zahlen, Statistiken und einzelnen Studien. Alleinstehende Aussagen wirken dadurch fundierter, auch wenn die ausgewählten Daten verfälscht oder eigennützig interpretiert sind.

Ein bekanntes Muster

Dir sind sicherlich einige der hier beschriebenen Strategien schon einmal begegnet. Dieses Vorgehen ist kein neues Phänomen: Wir kennen ähnliche Muster aus öffentlichen Debatten, etwa um die gesundheitsschädliche Wirkung von Tabak oder um die Diskussionen rund um COVID-19. Einzelne Studien wurden hervorgehoben, der Eindruck wissenschaftlicher Uneinigkeit erzeugt – obwohl die Forschungslage eindeutig war. Tatsächlich reicht diese Strategie noch weiter zurück: Schon während des Kalten Krieges wurde selektiv mit Daten gearbeitet, um bestimmte Narrative zu stützen. Ihr Ursprung liegt in der Ideologie des Marktfundamentalismus. Wenn du tiefer in diese Mechanismen einsteigen möchtest, lohnt sich ein Blick auf den Blogbeitrag zum Marktfundamentalismus.

Fünf Fragen, die du dir stellen solltest, bevor du Ergebnisse einer Studie glaubst

  • Wer hat die Studie finanziert oder in Auftrag gegeben?
  • Könnte ein Interessenkonflikt bestehen?
  • Verfügt die Person über Expertise in dem relevanten Forschungsbereich?
  • Gibt es bereits einen Konsens in der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft?
  • Werden Daten oder Befunde aus dem ursprünglichen Kontext verzerrt dargestellt?

Mick Abraham, Medina Demirovic, Janika Dohrn, Mikael Gerami, Sarah Hermann studieren Philosophie im Bachelor und haben das Thema in einem Seminar „Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken (Fokus Klimawissenschaften)“ erarbeitet.

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