von Amélie Geiseler, Carolin Kretzer und Johanna Zenner
Stell dir vor, du scrollst durch deinen Feed und stößt auf ein Video eines Politikers, der verkündet, der Mensch würde nicht maßgeblich zum Klimawandel beitragen. Er spricht ruhig, seriös und liefert vermeintlich schlagkräftige Beweise. Zum Beispiel, dass über 500 Wissenschaftler*innen einen Brief an die UN unterschrieben haben, in dem sie den „Klimanotstand” für nichtig erklären. Im ersten Moment wirkt das beeindruckend. Es klingt nach fundierter Kritik an der aktuellen Klimaforschung und da man leider kein Klimaexperte ist, bleibt einem zunächst nichts anderes übrig, als dem Politiker zu glauben. Doch hier ist es wichtig, genauer hinzuschauen. Die reine Anzahl von Unterzeichnenden sagt nichts über ihre Fachkompetenz im Bereich Klimaforschung aus. Selbst ein Professor*innentitel z.B. in Chemie, bedeutet nicht automatisch Expertise in der Meteorologie.
Das Problem ist, dass wir nicht alle Aussagen, mit denen wir konfrontiert sind, selbst überprüfen können. Aber dennoch gibt es Methoden, mit denen wir uns gegen Desinformationen schützen können.
Schutz vor Desinformationen: Vorbeugen und Aufklären
Insbesondere im Internet verbreiten sich falsche Informationen oft schneller und weiter als faktengeprüfte Inhalte. Debunking ist eine weit verbreitete Maßnahme, die eingesetzt wird, nachdem eine Person bereits mit Desinformationen in Kontakt gekommen ist. Dazu zählen klassische Faktenchecks, wie z.B. der Faktenfinder der Tagesschau.
Da es jedoch deutlich schwieriger ist, die Fehlinformationen im Nachhinein zu kontrollieren, gibt es den Ansatz des Prebunkings, der diesem Problem schon im Vorfeld entgegenwirken soll. Eine besonders effektive Variante des Prebunkings ist die psychologische Inokulation. Ähnlich wie bei einer medizinischen Impfung werden Personen dabei einer geringen Dosis von Fehlinformationen und typischen Manipulationstechniken ausgesetzt, um sie langfristig gegen Desinformationen zu „immunisieren”. Die Inokulationsbotschaft besteht aus zwei Teilen: dem Bedrohungshinweis und der präventiven Widerlegung. Der Bedrohungshinweis soll Rezipient*innen helfen, mögliche Überzeugungsversuche selbstständig zu erkennen und abzuwehren. Die präventive Widerlegung setzt genau hier an und vermittelt den Betroffenen gezielt Gegenargumente, die die eigene Position stärken sollen, in dem man die falschen Informationen widerlegt. Ein weiterer Blogbeitrag, der im Rahmen unseres Seminars erschienen ist, geht hierauf genauer ein.

Quelle: eigene Darstellung, erstellt mit Canva
Debunking-Spiele: Gamifizierte Inokulation gegen Desinformation
Die gamifizierte Inokulation bietet eine Möglichkeit, langfristig Resilienz gegenüber Desinformationen aufzubauen. Zwei Spiele, die wir selbst getestet haben und als empfehlenswert erachten, da sie die psychologische Inokulation im Rahmen des Prebunkings besonders gut umsetzen, sind die Spiele „Cranky Uncle“ und „Bad News“.
Cranky Uncle

Entwicklung: durch den Wissenschaftler und Karikaturisten John Cook
Zielgruppe: das Spiel richtet sich an Kinder ab dem Grundschulalter
Dauer: 20 Minuten für die Absolvierung eines ganzen Levels
Schwierigkeitslevel: leicht
Abschnitte, die sich jeweils einer Desinformationstechnik widmen: logische Trugschlüsse, Pseudoexperten, Rosinenpicken oder klassische Verschwörungstheorien
Ziel des Spiels: Strategien erlernen, um im Voraus Fehlinformationen zu erkennen
Das Ziel des Spiels „Cranky Uncle“ ist sehr simpel: Die Spieler*innen versuchen, den Onkel so stark wie möglich zu verärgern. Was sich zunächst banal anhört, ist in Wirklichkeit eine clevere Idee, mit der Menschen auf kreative Weise zum kritischen Denken motiviert werden und so ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Fehlinformationen stärken sollen. Mithilfe von Cartoons und interaktiven Quiz-Formaten werden einem auf humorvolle Weise verschiedene rhetorische Strategien beigebracht, mit denen wissenschaftliche Erkenntnisse diskreditiert und Fehlinformationen verbreitet werden.
Kommt man auf die Startseite des Spiels, kann man verschiedene Techniken der Desinformierung erlernen. Mithilfe von Statements, Ratespielen und Aufklärungen erlernt man schnell das Grundprinzip der jeweiligen Technik. Durch das Beenden aller vier Abschnitte werden neue Levels mit steigendem Schwierigkeitsgrad freigeschaltet. Je länger man spielt, desto verärgerter wird der Cranky Uncle und desto widerstandsfähiger wird man gegen Desinformationen. Im Seminar überzeugte das interaktive Spiel durch seinen Humor, das motivierende Level- und Punktesystem, sowie die aktive Förderung kritischen Denkens und wurde von den Teilnehmenden mit großer Freude gespielt.
Bad News

Entwicklung: durch Wissenschaftler*innen der Universität Cambridge in Zusammenarbeit mit einer niederländischen Medienplattform (DROG)
Zielgruppe: Kinder ab etwa 14 Jahre
Dauer: 20 Minuten für die Absolvierung aller Abschnitte
Schwierigkeitslevel: mittel
Abschnitte, die sich jeweils einer Desinformationstechnik widmen: Identitätsbetrug, Verruf, Emotionalisierung, Polarisierung, Verschwörungstheorien und Trolling
Im Bad News Spiel versucht ein virtueller Chatbot, die Nutzer*innen aktiv in die Rolle einer Person zu versetzen, die Desinformationen auf einer fiktiven Social Media Plattform verbreitet. Ziel ist es, möglichst viele Follower*innen zu generieren, ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Gleichzeitig vermittelt das Spiel grundlegende Medienkompetenzen, etwa durch das genaue Hinsehen, wer einen Beitrag veröffentlicht hat (z.B. “Dönald Trumpf” oder “Näsa”).
Das Spiel beinhaltet beide Elemente der Inokulationsbotschaft: den Bedrohungshinweis, der die Spieler*innen konkret vor Desinformationen warnt sowie die präventive Widerlegung. Diese ermöglicht es den Spieler*innen durch das aktive Erstellen manipulativer Inhalte, entsprechende Taktiken zukünftig zu erkennen und erfolgreich zu widerlegen. Die Gestaltung ist sehr ansprechend, da sie bunt und zeitgemäß ist. Besonders hervorzuheben ist zudem, dass das Spiel kostenlos und ohne Anmeldung in allen gängigen Browsern spielbar ist. Darüber hinaus steht es in vielen verschiedenen Sprachen zur Verfügung, wodurch die Nutzungshürde insgesamt sehr gering ist.
Studien zeigen jedoch, dass die Resilienz gegenüber Desinformationen nur dann langfristig aufrechterhalten werden kann, wenn die Spiele in regelmäßigen Abständen erneut gespielt werden, um einen sogenannten „Auffrischungs-Effekt“ zu erzielen.
Amélie Geiseler, Carolin Kretzer und Johanna Zenner sind Studierende von PPE (Philosophy, Politics and Economics) im 5. Semester an der HHU. Im Rahmen des Seminars “Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken (Fokus Klimawissenschaften)” wurde dieser Blogbeitrag verfasst.