Resilienz gegenüber Desinformationen – Stärkung der Urteilsfähigkeit 

Gibt es eine Impfung gegen Fake-News? – Warum Faktenchecks nicht ausreichen

von Lukas Atencio Psille, Evelyn Löwenstein, Emma Schulte-Altedorneburg, Pauline Meies, Lisa Kürten, Martin Ludwig und Tobias Hilland

In der Debatte um den Klimaschutz geht es längst nicht mehr nur um Daten und Fakten. Während der wissenschaftliche Konsens über den menschengemachten Klimawandel bei fast 100 % liegt, suggerieren Desinformationen, vor allem in sozialen Medien, oft ein Bild der Uneinigkeit. Ein zentrales Instrument, um die gesellschaftliche Resilienz gegenüber Desinformationen zu stärken, stellt Debunking dar. Allgemein bekannter ist Debunking in Form eines Faktenchecks. Hier wird im Nachhinein geprüft, ob verbreitete Informationen der Wahrheit entsprechen oder nicht.

Aber wie zielführend ist es, wenn wir Fake News nur im Nachhinein korrigieren? Bleiben nicht auch trotz Korrektur Teile der ursprünglichen „Fakten“ im Kopf?

Einerseits schwächt allein schon die Präsenz der Desinformationen die Fakten (Neutralisierung), und andererseits zeigt der sogenannte Continued Inluence Effect tatsächlich, dass einmal im Gedächtnis verankerte Falschinformationen, unser Denken oft auch dann noch beeinflussen, wenn sie bereits offiziell (z.B. durch Faktenchecks) widerlegt wurden.

Hilfreicher wäre es also, wenn Falschinformationen überhaupt gar nicht erst verbreiten würden. Gibt es Wege, Fake News frühzeitig zu erkennen und zu bekämpfen?

© kebox stock.adobe 1

Präventiv statt reaktiv – Die Inokulationstheorie

Das Gegenkonzept zum Debunking ist das sogenannte Prebunking. Der Begriff Prebunking beschreibt eine präventive Strategie, bei der wir frühzeitig über typische Manipulations- und Täuschungstechniken aufgeklärt werden. Ziel dabei ist es, unsere individuelle Resilienz zu stärken, sodass wir irreführende Inhalte schneller erkennen und hinterfragen.

Konkret besteht Prebunking aus zwei zentralen Bestandteilen: einer frühen Warnung vor möglichen Täuschungsversuchen (threat) und einer präventiven Widerlegung (refutational preemption), bei der wir lernen, wie solche Manipulationen funktionieren.

Die Idee dahinter geht auf die Inokulationstheorie des Sozialpsychologen William J. McGuire zurück. Inspiriert von der medizinischen Impfung nutzt sie eine biologische Metapher: So wie ein Impfstoff eine abgeschwächte Dosis eines Virus enthält, konfrontiert Prebunking uns mit abgeschwächten Formen von Desinformation. Wir lernen so, typische Argumentationsmuster und Strategien (zum Beispiel Rosinenpicken) zu erkennen und aktiv abzuwehren. Wie aber soll das funktionieren? Schließlich kann man nicht gegen jede Lüge im speziellen geimpft werden. Die Idee dahinter sieht letzteres auch gar nicht vor. Bestimmten Lügen kann man zwar hinterherlaufen, um sie zu korrigieren, aber sie bereits vor ihrer Entstehung zu entlarven, ist schier unmöglich. Möglich ist aber, Menschen über die Strategien hinter Fake News aufzuklären und ihre Sicht dafür zu schärfen.

Prävention durch Spiele? – Aktive Impfung gegen Desinformationen

Werden Falschinformationen verbreitet, so wiederholen sich oft die Strategien, mittels derer sie verbreitet werden. Das sogenannte PLURV-Modell fasst die häufigsten davon zusammen. Durch Pseudo-Experten, logische Trugschlüsse, unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpicken und Verschwörungsmythen manipulieren Verbreiter von Desinformationskampagnen immer wieder. Wenn man diese Taktiken jedoch kennt, kann man sie bei zukünftigen Konfrontationen besser durchschauen und fällt nicht mehr so leicht darauf herein.

Um möglichst früh im Leben zu lernen, wie Fake News verbreitet werden, können Kinder im Schulunterricht durch Vereine, die diesbezüglich Kurse anbieten, darüber aufgeklärt werden. Fake News lassen sich beispielsweise in Texten vermuten, welche viele Ausrufe- oder Fragezeichen oder auch Wiederholungen enthalten. Und so paradox es auch klingen mag, am besten lernen die Kinder diese Strategien zu verstehen, indem sie sie selbst anwenden, also selbst auf spielerische Weise mit ihrem neu gewonnenen Wissen eigene Fake News auf dem Papier erstellen.

Allerdings gibt es auch negative Beispiele, wie Kinder auf andere Weise „aufgeklärt“ werden. So stellen manche Ölfirmen in Amerika Kinderbücher her, um Kinder von den Vorteilen der Energiegewinnung durch Öl zu überzeugen. Eine Idee, diese Manipulationstaktik ins Positive zu wandeln, könnte es sein, in ähnlichem Stil Bücher für Kinder zu schreiben, in welchen diese auf unterhaltsame Weise von solchen Manipulationstaktiken erfahren und sie so früher erkennen lernen.

Mittlerweile sind sogar einige Spiele entwickelt worden, mittels derer eine Aufklärung über Strategien hinter verbreiteten Fake News auf spielerische Art vonstattengehen kann.

Ein interessanter Ansatz ist auch folgender. Kurze, aufklärerische Videos werden als Werbung vor YouTube-Videos oder im Fernsehen eingesetzt. So können Menschen auf problematische Maschen wie Panikmache aufmerksam gemacht werden. Dadurch kann ein Bewusstsein dafür gestärkt werden, wie diese Strategien funktionieren, sodass sie im Alltag wacher darauf reagieren. Ein weiterer Ansatz, bei dem alle mitwirken könnten, ist es unter Beiträgen mit Falschinformationen auffällige und wiederkehrende Slogans zu kommentieren, die auf mögliche Unwahrheiten hinweisen.

Lukas Atencio Psille, Evelyn Löwenstein, Emma Schulte-Altedorneburg, Pauline Meies, Lisa Kürten, Martin Ludwig und Tobias Hilland sind Studierende der HHU. Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen des Aufbauseminars „Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken (Fokus Klimawissenschaften)“.

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