von Kim Luis Wienströer
Wenn Marcel Beyer über Geschichte schreibt, dann gibt der Boden nach. Überlieferungen verlieren ihren Halt, Zeiten überlagern sich, und Vergangenes drängt zurück in die Gegenwart. Er präsentiert dem Leser neue Perspektiven auf historische Begebenheiten, die sich von denen der klassischen Geschichtsschreibung durchaus unterscheiden, die aber keineswegs weniger relevant sind. Denn während der Historiker sich der geschichtlichen Wirklichkeit über Quellenanalyse nähert und dabei etwas schafft, das Reinhart Koselleck als „Fiktion des Faktischen“[1] bezeichnete, also eine Erzählung, die auf methodisch gesicherten Daten basiert, nutzt Marcel Beyer die Lyrik, um jenseits dieser rationalen Darstellbarkeit geschichtliche Wirklichkeit erfahrbar zu machen.
Lyrik gilt allgemein als enorm wirkungsstark, sie arbeitet mit Emotionen. Und so kann sich die Geschichtslyrik Aspekten der Vergangenheit annähern, nach denen in der historischen Forschung selten so direkt gesucht wird: Wie fühlte sich an, was passiert ist? Nicht die Konsequenzen eines Ereignisses, sondern die mit ihm verbundenen Emotionen werden im Leser geweckt. Wenn zum Beispiel Gewalt den Alltag beherrscht, wie in An die Vermummten (2014) beschrieben, oder ein politisches System vom nächsten abgelöst wird, wie Beyer es unter anderem in Das kommende Blau (1997) schildert, dann kann dies konkrete politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Auswirkungen haben, die in der Folge der Historiker in den Blick nimmt, deren alleinige Darstellung allerdings der Komplexität der Vergangenheit nicht unbedingt gerecht werden. Hier setzt eine Lyrik an, die sich weniger für die Konturen historischer Prozesse interessiert als für ihre sinnlich wahrnehmbare und emotionale Dimension. Die Farben des Bildes, um ein Medium heranzuziehen, das Beyer inspiriert, und nicht nur seine Umrisse werden sichtbar gemacht.
Bei Beyer wird Geschichte fühlbar, ja, geradezu erlebbar. Denn Vergangenes, das weit weg erscheint, Ereignisse, die man in der Schule als ephemere, triviale Phrasen auswendig gelernt hat und zu denen man heute allerdings keinen Bezug mehr zu haben glaubt, werden mit der Lyrik Beyers in die Gegenwart geholt. Geschichte ist, das zeigt sich hier, niemals abgeschlossen. Die Zeit hat einen anderen Stellenwert als in der historischen Forschung, ihre Linearität wird aufgehoben. Statt einen linearen Erzählfluss zu schaffen und damit Kausalität zu suggerieren, scheut Beyer sich nicht, Ereignisse verschiedenster Zeiten nebeneinander zu stellen oder gar sich überlagern zu lassen.
Die Quellengebundenheit der Geschichtsforschung sorgt für eine Exaktheit, die für evidenzbasierte Wissenschaft unerlässlich ist. Sie lässt aber auch Lücken, die schwer zu füllen sind, denn was eine Quelle nicht hergibt, das kann nicht erfasst werden. Die komplexe Realität des Vergangenen lässt sich allerdings nicht nur auf der Grundlage von Quellen abbilden. „Der Historiker“, um erneut Koselleck zu bemühen,
bleibt einer Kontrollinstanz von zwingender Rationalität unterworfen […], die sich aus der historischen Methode ergibt. Sie nämlich läßt keine Aussage zu, die nicht durch die Düse der Quellenlektüre gepresst wurde […].
Die komplexe Realität des Vergangenen kann nicht nur auf der Grundlage von Quellen abgebildet werden. Beyer füllt die Lücken, indem er Fakten und Fiktives zusammenführt, und so eine Welt schafft, die nicht vordringlich zeigt, wie etwas tatsächlich war, sondern wie es sich möglicherweise angefühlt haben könnte. So erweitert er die Realität um Möglichkeiten und schafft sprachliche Bilder, die den Betrachter zur Reflexion anregen.
Zum Nachdenken aufgefordert wird der Leser nicht nur, wenn Beyer konkrete historische Ereignisse thematisiert, sondern vor allem dann, wenn er in seiner Lyrik über die Konzeption von Geschichte oder über Geschichtsschreibung reflektiert. Diese sogenannte ‚reflektierende Geschichtslyrik‘ erkundet, was Geschichte ist oder sein kann, wie Geschichtsschreibung funktioniert und welche Bedeutung sie für die Erinnerungskultur haben.
Ein Beispiel für diese Form der reflektierenden Geschichtslyrik ist Beyers Gedicht Das Rheinland stirbt zuletzt (2014). Das Zeitgedicht thematisiert ein Ereignis der jüngeren Vergangenheit: den Zusammensturz des Kölner Stadtarchivs. Die Katastrophe aus dem Jahr 2009 wird von Beyer bereits wenige Jahre später im Gedicht historisiert und meisterhaft genutzt, um eine Vielzahl von Facetten unterschiedlicher Themen zu behandeln.

Das eingestürzte Gebäude mit dem Nachbarhaus. © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Stadthistorisches Archiv Köln – eingestürztes Gebäude (7328), CC BY-SA 4.0
I
… nördlich der Alpen.
Da gibt der Boden nach.
Ohne Geländekarte
muß ich ins fremde Land?
Ach, bitte, Jungfrau, reiche
mir dabei deine Hand.
Ins fremde Land, das meint
ins flache Land, das meint
hinab, wohin die Welt sich
faltet. Ja, alles faltet sich,
Dach, Haus und Straße,
Bett und Schrank, hier falten
alle Bücher und Papiere sich
wie von allein zusammen.
Dreißig Sekunden Krach.
Sechs Wochen Stille.
Vom Trümmerkogel seilt
die Bergrettung, seilen
Rotkreuzhelfer sich
vorsichtig, vorsichtig ab.[2]
Der Boden gibt nach, das Stadtarchiv versinkt. Das Archiv ist Sinnbild für das Historische. Mit seinem Verschwinden geht zudem tatsächliche Geschichte, gehen Tausende von Texten, Manuskripten und letztendlich auch Quellen verloren, Fragmente, die gemeinsam Geschichte sind. Doch das scheint nicht jedem bewusst zu sein.
VIII
Nacht ist kein Fernsehen
da. Kein RTL Halten
Sie dieses schrumpelige
Blatt mal in die Sonne,
kein ntv schwenkt über den
kostbaren, den unrettbar
verlorenen, den ganzen
Dreck, und kein Express
Schlafender Bäckergeselle
sechs Meter tief unter
mittelalterlichem Text
begraben. Sind mundfaul
nachts. Bildfaul. Wenigstens
das. Nachts ist da nur
der Feuerwehrtopograph,
und der packt grad,
wie zufällig, als gebe es
nichts mehr zu tun,
zu sehen, festzuhalten,
seine Kamera weg.[3]
Was ist die Aufgabe der Medien? Das Geschehene zu archivieren? Die Katastrophe aufzuarbeiten? Antworten zu geben oder nur die richtigen Fragen zu stellen? Was ist berichtenswert und was nicht? Was auch immer es ist, es findet nicht ausreichend statt. „Dreißig Sekunden Krach. / Sechs Wochen Stille“[4]: Die Medien schweigen oder wissen nichts Sinnvolles zu sagen.
Anders Beyer, wenn er an der Bergung des scheinbar Verlorenen mitwirkt und so zur Erinnerungskultur und zur Geschichtsschreibung in seiner ganz eigenen Weise beiträgt. Beyer versieht den Text zudem noch mit einer weiteren Ebene. Durch das Verweben seines eigenen Gedichts mit einer der verlorengegangenen Handschriften – einer mittelalterlichen Sangspruchdichtung von Konrad Muskatblüt – steigt er selbst hinab in das Gewölbe der Einsturzstelle, um Verlorenes zu bergen. Beyer zitiert den mittelalterlichen Text jedoch nicht einfach, sondern lässt dessen Sprachmaterial in die eigene Dichtung einsickern. Wörter, Motive und Satzstrukturen werden übernommen und in einen neuen Zusammenhang gestellt, sodass sich Gegenwart und Vergangenheit auf sprachlicher Ebene durchdringen. Unter der Oberfläche seiner eigenen Worte spricht, wie Frieder von Ammon gezeigt hat,[5] Konrad Muskatblüt und bleibt damit ein Stück weit erhalten. Er wird geborgen nicht nur aus der Tiefe des Loches, in dem er nun zerstört liegt, sondern ebenfalls aus dem Archiv, in dem er seit Jahrhunderten gelegen hat, und tritt ein in die Gegenwart.
Das Rheinland stirbt zuletzt ist nur eines von vielen Gedichten Marcel Beyers, die den Leser zur Auseinandersetzung mit der Geschichte auffordern. Es ist sicherlich keine einfache oder eingängige Literatur, sondern Kunst, die einen Auftrag erfüllen möchte. Kunst, die verlangt, dass man sich mit ihr beschäftigt. Wer Beyers Gedicht liest, steigt gewissermaßen selbst in die Tiefen des eingestürzten Archivs hinab. Geschichte erscheint hier nicht als abgeschlossener Bestand gesicherter Fakten, sondern als etwas Fragmentarisches, Verschüttetes, das erst mühsam wieder freigelegt werden muss. Und darin zeigt sich eine der besonderen Leistungen der Geschichtslyrik: Sie verwahrt Vergangenheit nicht lediglich als Wissen, sondern macht sie als Erfahrung zugänglich – als Erfahrung von Verlust, Erinnerung und Wiederentdeckung.
Marcel Beyer (* 23. November 1965 in Tailfingen) zählt zu den renommiertesten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Er wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2008 mit dem Joseph-Breitbach-Preis und 2016 mit dem Georg-Büchner-Preis. In seinem Werk beschäftigt er sich immer wieder mit historischen Themen, so auch in seinen Gedichtbänden Falsches Futter (1997), Erdkunde (2002), Graphit (2014) und Dämonenräumdienst (2020).
Kim Wienströer studiert Germanistik und Kunstgeschichte an der HHU und besuchte im Sommersemester 2026 das von der Bürgeruniversität geförderte und in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB) durchgeführte Praxisseminar zur Geschichtslyrik der Gegenwart bei Dr. Olga Katharina Schwarz.
[1]Reinhart Koselleck: Fiktion und geschichtliche Wirklichkeit. In: Carsten Dutt (Hg.): Vom Sinn und Unsinn der Geschichte. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten. Berlin 2013, S. 80-95, S. 91.
[2] Marcel Beyer: Das Rheinland stirbt zuletzt. In: Ders.: Graphit. Gedichte. Berlin 2014, S. 18–25, hier S. 18.
[3] Ebd., S. 25.
[4] Ebd., S. 18.
[5] Vgl. Frieder von Ammon: „Muskatplüts Hofton ist hier unbekannt.“ Marcel Beyer, das Mittelalter und die Germanistik. In: Christian Klein (Hg.): Marcel Beyer: Perspektiven auf Autor und Werk. Stuttgart 2018, S. 49–62.