von Franka Büchel, Maja Hurasky, Mikhael Knofmakher, Johanna Krüger, Simon Wengenroth
Mit Covid-19 ist die Debatte um Impfbereitschaft in unseren Alltag gerückt: Von gestern auf heute mussten wir geimpft oder genesen sein, um ein Kino oder Restaurant besuchen zu dürfen. Sich nicht impfen zu lassen, bedeutete eine Einschränkung der öffentlichen Teilhabe und der persönlichen Freiheit. Wir alle erinnern uns an aufgeheizte Diskussionen und Aluhut-Proteste auf den Straßen. Die Fragen dahinter gehen weit über die Corona-Pandemie hinaus.
Schon 2019 bezeichnete die WHO Impfskepsis als eine der zehn größten Gefahren für die Weltgesundheit. Diese schätzt, dass bei einer weltweit höheren Impfrate 1,5 Millionen Menschenleben mehr gerettet werden könnten.
Deswegen fragen wir uns hier: Was beeinflusst Impfbereitschaft und wie können wir sie messen? Kam durch Corona die Messung von Impfbereitschaft an ihre Grenzen? Und bedeutet ein „Ich lasse mich nicht impfen” noch dasselbe wie in einer vor-pandemischen Welt?
Das magische C der Impfbereitschaft
Wusstet ihr, dass sich die Messung von Impfbereitschaft kontinuierlich weiterentwickelt hat? Bis zum Ausbruch der COVID-19-Pandemie war das 5C-Modell der weltweite Standard, um die Psychologie hinter der Impfentscheidung zu analysieren. Seit 2021 ist die Antwort auf die Frage nach der Impfbereitschaft das 7C-Modell: 7Cs für 7 Gründe, sich (nicht) impfen zu lassen.

Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an das Robert Koch-Institut (o. D.). Ergebnisse des Forschungsprojekts IMPRESS: Impfverhalten verstehen, Preparedness steigern. Schwerpunkt: Allgemeinbevölkerung (Folie 6).
Wie wird gemessen? Eigentlich ganz simpel: Die Proband*innen bewerten Aussagen zu den 7Cs auf einer Skala von „Stimme überhaupt nicht zu” bis „Stimme voll und ganz zu”. Aber woher weiß man eigentlich, welche Komponenten wichtig sind? Das Modell entwickelt sich dynamisch weiter, denn die Komponenten Compliance (Regeltreue) sowie Conspiracy (Verschwörungsglaube) wurden erst nach der COVID-Pandemie aufgenommen. Nur wenn wir neben den bisherigen fünf Gründen auch die Einstellung zum Staat und den Glauben an Falschinformationen messen, können wir wirksame Aufklärungskampagnen starten.
„Impfungen verursachen Erkrankungen und Allergien, die schlimmer sind als die Krankheiten, gegen die sie schützen sollen.”
Bestimmt kommen euch solche Aussagen spätestens seit der Pandemie bekannt vor. Dieses sechste C hat auch einen Namen: die Conspiracy-Dimension (Verschwörungsglaube). Vielleicht fragt ihr euch jetzt: Gab es Verschwörungsdenken rund ums Impfen nicht schon immer – und wurde das nicht schon längst erfasst? Die Antwort ist: Ja. Im ursprünglichen 5C-Modell wurde Verschwörungsdenken allerdings nicht als eigener Grund berücksichtigt, sondern Confidence (Vertrauen) zugeordnet. Dabei sind Misstrauen gegenüber Behörden und aktives Verschwörungsdenken zwei sehr verschiedene Dinge!
Um das Ganze etwas greifbarer zu machen, schauen wir uns die Realität in Deutschland an. Die RKI-Studie liefert dazu spannende Einblicke. Die gute Nachricht ist, dass weniger als 10% der Bevölkerung glauben, dass Impfungen giftige Inhaltsstoffe aufweisen. Allerdings stimmen fast drei von zehn Personen zumindest teilweise zu, dass sich die Gesundheitsbehörden „blind der Macht und dem Einfluss der Pharmakonzerne beugen”.
Zwei von zehn Personen finden es vertretbar, ungeimpfte Personen von Veranstaltungen auszuschließen.
Erinnert ihr euch, wie 2021 der 2G-Nachweis so wertvoll wurde wie der Personalausweis am Eingang zum Nachtclub? Als damaliger Bundesgesundheitsminister war Karl Lauterbach Stammgast in Nachrichten und Talk-Shows und rechtfertigte die Maßnahmen damit „Menschenleben zu retten und die Ausbreitung des Virus einzudämmen.” Unter solche Maßnahmen fielen im Kontext der Pandemie die zeitweise geltenden Einschränkungen der Grundrechte, beispielsweise die Bewegungsfreiheit.
Wie reagiert man als Bürger*in darauf? Diese Frage wird durch das siebte C Compliance erfasst. Gemeint ist damit die Tendenz, sich für die Überwachung solcher Maßnahmen auszusprechen und Personen zu sanktionieren, die sich nicht daran halten. In Deutschland finden fünf von zehn Befragten, dass die Gesundheitsbehörden alle verfügbaren Mittel einsetzen sollten, um hohe Impfquoten zu erreichen.
Beeindruckend ist, dass die gesamte 7C-Skala – also alle sieben Gründe zusammen – ganze 84% der Unterschiede in der Impfbereitschaft von Menschen erklären. Das sind 9% mehr als die alte 5C-Skala. Mit der Erweiterung um Conspiracy und Compliance können wir Impfbereitschaft heute also genauer verstehen. Welche weiteren Faktoren in zukünftigen Krisen eine Rolle spielen werden, bleibt eine spannende Frage für die Forschung.
Franka Büchel, Maja Hurasky, Mikhael Knofmakher, Johanna Krüger (Text) studieren PPE (Philosophy, Politics and Economics) und Simon Wengenroth (Grafik) studiert Psychologie an der HHU. Dieser Blogbeitrag wurde im Rahmen des Seminars „Vertrauen in die Wissenschaft (Fokus Impfungen)” verfasst.