von Carlotta Donner, Chiara Tappen, Bleona Kadriu, Laura Rempel und Emma Schulte-Altedorneburg
Habt ihr schon mal durch euren Feed gescrollt und seid an einem Video hängen geblieben, das vor den “geheimen Giften“ in Impfstoffen warnt? Solche Inhalte wirken oft modern und “aufklärerisch“, doch wenn wir einen Blick in die Geschichte werfen, stellen wir fest: Die Masche ist alt – nur die Bühne hat sich verändert.

Quelle Kommentare: OpenAI. KI-generierte Kommentare. Erstellt mit ChatGPT, 2026
Ein kurzer Blick in die Geschichte der Impfgegnerschaft
Schon Ende des 18. Jahrhunderts, kurz nach der Entwicklung der ersten Pockenimpfung, gab es heftigen Widerstand. Damals kursierten Karikaturen, die behaupteten, dass Menschen durch die Impfung zu Kühen werden würden. Dabei ist besonders spannend: Die Bildsprache von damals ähnelt heutigen Schock-Videos auf Social Media verblüffend. Das Ziel der Impfgegner*innen bleibt ebenfalls gleich. Sie wollen Angst schüren und das Vertrauen in staatliche Institutionen und die Schulmedizin untergraben. Mehr Infos dazu findet ihr hier.
Vorab zur Einordnung: Nicht alle Skeptiker*innen sind gleich
Impfskepsis ist nicht gleich Impfleugnung. Viele Menschen haben legitime Fragen oder Sorgen, etwa zu Nebenwirkungen, die ernst genommen werden müssen. In diesem Beitrag geht es uns jedoch nicht um diese berechtigte Skepsis, sondern ausschließlich um die aktive Impfgegnerschaft, die Wissenschaft auf Basis von Falschinformationen und rhetorischen Taktiken gezielt diskreditiert.
Die Strategien im Netz: Warum sie so gut funktionieren
Wenn wir uns die Argumentationsweisen der Anti-Impf-Bewegung im Internet heute genauer ansehen, fallen vor allem zwei zentrale Strategien auf. Die medizinische Anthropologin Anna Kate hat diese Strategien ebenfalls analysiert und zeigt, wie sie heute genutzt werden, um die Botschaften der Impfleugner*innen zu verbreiten:
Skewing Science (Wissenschaft verzerren)
Was passiert hier? Wissenschaftliche Studien werden nicht einfach abgelehnt, sondern geschickt “umgedeutet“. Studien, die Risiken suggerieren (selbst wenn sie methodisch schwach sind), werden gefeiert. Seriöse Studien, die die Sicherheit von Impfungen belegen, werden hingegen sofort als gekaufte “Pharma-Propaganda“ diffamiert.
Warum das so gut funktioniert: In unserer modernen digitalen Welt ist das Vertrauen in Expert*innen gesunken. Wenn jede*r online seine “eigene Wahrheit“ präsentieren kann, wirkt eine aus dem Kontext gerissene Studie oft genauso glaubwürdig wie ein offizieller Bericht des Robert Koch Instituts (RKI).
Shifting Hypotheses (Hypothesen verschieben)
Was passiert hier? Sobald eine Theorie der Impfgegner*innen durch die Wissenschaft widerlegt wurde, wird einfach die Nächste aufgestellt. Wurde zunächst angeblich die MMR-Impfung für Autismus verantwortlich gemacht, richtete sich der Vorwurf später gegen Quecksilberzusätze in Impfstoffen. Als diese aus den meisten Impfstoffen entfernt wurden, war auf einmal Aluminium der neue Übeltäter – oder es wurde kurzerhand argumentiert, dass Kinder einfach “zu viele Impfungen zu früh“ bekommen.
Warum das so gut funktioniert? Wer seine Behauptungen ständig ändert, kann nicht endgültig widerlegt werden. Durch dieses Ablenkungsmanöver überlebt die grundlegende Anti-Impf-Botschaft jede wissenschaftliche Richtigstellung und sorgt dafür, dass die Zweifel dauerhaft am Leben gehalten werden.

Quelle: OpenAI. KI-generiertes Bild. Erstellt mit ChatGPT, 2026
So könnte das „Toxin-Argument“ in den sozialen Medien aussehen:
Wer heute durch TikTok, Instagram oder Facebook scrollt, stößt immer wieder auf Beiträge, die das sogenannte „Toxin-Argument“ nutzen. In kurzen Videos werden chemische Inhaltsstoffe wie Formaldehyd, Aluminium oder andere Inhaltsstoffe eingeblendet, welche häufig durch dramatische Musik begleitet werden. Was dabei meist fehlt, ist der entscheidende Kontext: Wie viel von diesen Stoffen ist tatsächlich enthalten? Warum werden sie verwendet? Und in welchen Mengen gelten sie als unbedenklich?
Genau diese Auslassungen machen die Strategie so wirkungsvoll. Viele Menschen verbinden chemische Begriffe automatisch mit Gefahr. Dadurch entstehe schnell der Eindruck, Impfstoffe enthielten gefährliche Gifte. Dabei gilt auch bei gefährlichen Stoffen grundsätzlich das Prinzip: Die Dosis macht das Gift. Ob ein Stoff gesundheitsschädlich ist, hängt nicht von seinem Namen ab, sondern von seinen chemischen Eigenschaften und der Menge, der ein Mensch ausgesetzt ist. Indem diese Informationen weggelassen werden, wirken die Inhalte der Impfstoffe deutlich bedrohlicher, als sie tatsächlich sind.
Seid kritisch!
Wir können die Impfgegner-Bewegung nicht einfach “löschen“. Aber wir können lernen, ihre Tricks zu durchschauen. Wenn ihr das nächste Mal ein Video seht, das behauptet, “Pro-Sicherheit“ anstatt “Anti-Impfung“ zu sein, fragt euch: Werden hier Fakten präsentiert oder nur Tatsachen verdreht?
Desinformation über Impfungen lebt nicht von starken Belegen, sondern von starken Emotionen. Wer die typischen Strategien kennt, kann irreführende Inhalte leichter erkennen und kritisch hinterfragen. Echte Expertise basiert auf Evidenz und dem Austausch von Argumenten – nicht auf dem Schüren von Angst in 15-sekündigen Clips!
Laura Rempel, Carlotta Donner, Chiara Tappen, Bleona Kadriu und Emma Schulte-Altedorneburg sind Studierende der HHU. Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen des Aufbauseminars „Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken (Fokus Impfung)“.