Impfkritik: drei Argumente im Laufe der Zeit

von Michael Gorodetsky, Fabian Keck, Dorina Dörr und Marie Schirmer

Impfkritik ist kein neues Phänomen und viele Argumente finden sich bereits in ähnlicher Form in der Vergangenheit wieder. Dazu gehören die Behauptungen, dass Impfungen unnatürlich seien, dass die Pharmaindustrie nur auf ihren finanziellen Vorteil aus sei und dass Impfstoffe gefährliche Inhaltsstoffe enthielten. In diesem Beitrag untersuchen wir, wie sich diese drei Argumente im Laufe der Zeit verändert haben und hinterfragen sie kritisch.

Sind Impfungen unnatürlich?

Schon seit dem frühen neunzehnten Jahrhundert beschäftigt der Eingriff in das Immunsystem die Menschen. Man betrachtet Impfungen also schon lange als einen unnatürlichen Vorgang. Besser sei angeblich eine herkömmliche Infektion der Krankheit und damit eine Immunisierung des Körpers, ohne in diesen irgendetwas einzuspritzen.

Die „Bestialisierung“ der Menschen: Kuhpocken

© The Trustees of the British Museum. Veröffentlicht unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-SA 4.0

Ende des 18. Jahrhunderts gehörten die Pocken zu den gefürchtetsten Infektionskrankheiten. Der britische Arzt Edward Jenner beobachtete, dass Melkerinnen, die sich zuvor mit Kuhpocken infiziert hatten, offenbar vor den gefährlichen Pocken geschützt waren. Daraus entwickelte Jenner die Idee, Kuhpockenmaterial zur Immunisierung gegen Pocken einzusetzen. 1796 führte er einen ersten erfolgreichen Impfversuch durch und legte damit einen wichtigen Grundstein für die moderne Pockenimpfung.

Die neue Methode stieß jedoch auch auf Ängste und Kritik.

1802 entstand diese Karikatur. Sie greift die damalige Kontroverse um die neue Impfmethode auf: Zu sehen sind Menschen, die nach der Impfung vermeintlich Kuhmerkmale entwickeln oder aus deren Körpern kleine Kühe hervorbrechen. Damit karikiert die Darstellung die Befürchtung, die Verwendung von Kuhpockenmaterial könne dazu führen, dass Menschen „kuhähnliche“ Eigenschaften entwickeln. Auch wenn diese Vorstellung heute absurd wirkt, wird verständlicher, warum die Darstellung damals plausibel erscheinen konnte: Die Impfung beruhte tatsächlich auf der Verwendung von Material, das von Kühen stammte.

Ein Blick in die Moderne: Corona

Der Covid-19 Virus ist uns allen bekannt. Zu seiner Bekämpfung wurde erstmals ein mRNA – Impfstoff verwendet, der bis dahin nicht weit verbreitet war.

Das Muster der unnatürlichen Eingriffe findet sich auch hier wieder. Der neue Impfstoff sei „Gentechnik“ und verändere den menschlichen Körper vollständig. Der Impfstoff sei damit auch etwas unnatürliches und Gefährliches. Gefährlicher als der Virus selbst.

Und damit sind wir am Ende des ersten Musters angelangt. Von der Kuhpocken Impfung bis zum modernen mRNA-Impfstoff hat sich einiges getan, aber grundlegend bleibt das Muster des Argumentes der Unnatürlichkeit ähnlich. Sollten wir also zukünftig ein solches Muster erkennen, dann erinnern wir uns, wie lange es schon besteht und hinterfragen es kritisch.

Vorsicht ist immer geboten!                                                                                         

„Die sind ja eh alle gekauft…“

Ob bei den Schiedsrichter*innen einer WM, oder bei Wissenschaftler*innen und Politiker*innen, die sich für Impfungen aussprechen: der Vorwurf der persönlichen Bereicherung ist ein Klassiker, wenn es um pauschale Kritik geht. Und egal, wie frei erfunden solche Vorwürfe oft klingen mögen, sollte man das Gefahrenpotenzial der Strategie nicht unterschätzen.

Schaut euch nun einmal die drei Zitate an:

  1. „The enthusiastic promoters of vaccination had everything to hope — power, honour, riches”
  2. „The AMA and the drug companies were more concerned with fees and profits than with any ‘fight against infantile paralysis”
  3. „Waiting to listen to an authoritative source not bought by China or Big Pharma”

Könnt ihr auf den ersten Blick erkennen, aus welcher Zeit die Zitate jeweils stammen? Teils wird es zwar am Schreibstil grob erkennbar, mit voller Sicherheit könnt ihr die Zitate jedoch nicht direkt einordnen. Das erste Zitat stammt aus dem Jahr 1805, das zweite aus 1955 und das dritte aus dem Jahr 2021.

Die vielen Jahrzehnte, die zwischen diesen Zitaten liegen, trennen sie jedoch nur zeitlich. Sinngemäß sind sie alle Ausdruck der gleichen Kritik: Jeglichen Individuen oder Organisationen mit Autorität im Bereich des Impfens wird unterstellt, nicht im Interesse der Bevölkerung zu handeln, sondern lediglich eigennützige Absichten zu verfolgen.

Mit der Strategie werden Wissenschaftler*innen, Gesundheitsverbände etc. auf mehreren Ebenen angegriffen.

Zum einen wird der Diskurs verschoben. Man spricht nicht mehr über die Impfung an sich, sondern man macht eine völlig neue Diskussion auf über die Individuen, die diese unterstützen. Zum anderen vermischt sich hier legitime Kritik an Profitmotiven von Pharmakonzernen mit bloßen Pauschalisierungen, wodurch ein scheinbarer Wahrheitsgehalt der Kritik generiert wird. So war der Autor des zweiten Zitats kein klassischer Impfgegner, da er sich für einen sicheren Impfstoff aussprach.

Genau diese Gefahr der Diskursverschiebung und der Vermischung von echter Kritik und Pauschalisierung hat dafür gesorgt, dass dieses Argument seit Jahrzehnten Impfdebatten, Stammtischgespräche und Fußballabende prägt.

„Impfungen enthalten gefährliche Chemikalien!“

Spätestens seit der Corona-Pandemie sind wir alle mit diesem Narrativ vertraut. Die Angst, eine Impfung könne uns krank machen, anstatt uns vor schweren Erkrankungen zu schützen, hält sich bis heute hartnäckig. Besonders groß war die Skepsis gegenüber den neu entwickelten mRNA-Impfstoffen. So befürchteten manche, die Impfung könne die menschliche DNA verändern und dadurch langfristige Schäden verursachen. Daneben kursierten zahlreiche weitere Behauptungen – etwa, dass Impfstoffe Mikrochips zur Überwachung der Bevölkerung oder andere geheim gehaltene, schädliche Inhaltsstoffe enthielten.

Die Sorge vor angeblich schädlichen Inhaltsstoffen begleitet Impfungen bereits seit ihren Anfängen. Im Laufe der Jahrzehnte richtete sich die Kritik jedoch immer wieder gegen andere Bestandteile. Zeitweise standen das quecksilberhaltige Konservierungsmittel Thiomersal oder Aluminiumverbindungen im Mittelpunkt der Debatte. In jüngerer Zeit rückten schließlich mRNA und andere Bestandteile moderner Impfstoffe in den Fokus. Welche Stoffe als gefährlich gelten, verändert sich also mit dem wissenschaftlichen Fortschritt und der Entwicklung neuer Impfstoffe – das zugrunde liegende Narrativ, Impfungen enthielten versteckte Gifte, bleibt jedoch bestehen.

Erstellt mit Canva

Ein Blick in die Geschichte zeigt also: Viele Argumente gegen Impfungen sind keineswegs neu. Obwohl sich die Beispiele und vermeintlichen Gefahren im Laufe der Zeit verändert haben, bleiben die zugrunde liegenden Argumentation erstaunlich konstant. Wer diese wiederkehrenden Muster erkennt, kann aktuelle Debatten besser einordnen und kritisch hinterfragen.

Michael Gorodetsky, Fabian Keck, Dorina Dörr und Marie Schirmer sind Studierende der HHU. Dieser Beitrag ist im Rahmen der Arbeit an einem Seminar „Vertrauen in die Wissenschaft“ entstanden.

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