Umgang unmöglich? Drei Tipps wie man Impfgegner*innen überzeugt

von Natalie Romanov, Moritz Weißenborn, Floris Hoffbauer, Ronja Roßberg

Du sitzt mit deiner Freundin im Park und ihr unterhaltet euch entspannt. Plötzlich tut sich im Gespräch ein Abgrund auf: Sie erklärt dir voller Überzeugung, dass Impfungen Autismus verursachen. Erst bist du überrascht und etwas schockiert, dann überlegst du, wie du sie vom Gegenteil überzeugen kannst. Du redest auf sie ein, willst sie belehren, aber sie wird defensiv und fühlt sich angegriffen. Ihr geht sauer verschiedene Wege, obwohl ihr eigentlich gut befreundet seid.

Was hättest du anders machen können?

Die Philosophieprofessorin Maya J. Goldenberg stellt in ihrem Buch „Vaccine Hesitancy“ drei Strategien für den Umgang mit Impfgegnerschaft vor.

1. Bleib auf Augenhöhe

Haben wir nicht auch Vorurteile? Stellen wir uns Impfgegner*innen vielleicht mit Aluhüten vor?

Die meisten Impfgegner*innen sind Menschen, die sich um ihre Gesundheit sorgen und bei der Masse an Falschinformationen im Internet nicht mehr durchblicken. Studien haben ergeben, dass reine Fakten Impfskeptiker*innen sogar in ihrer Meinung festigen können.

Wir raten daher, mit Empathie ins Gespräch zu gehen: Versuche zunächst zu verstehen, was die Menschen verunsichert und warum sie skeptisch sind. Fakten und Informationen können anschließend helfen, diese Sorgen einzuordnen.

2. Stärke den Selbstwert deines Gegenübers

Warum reagieren Menschen so abwehrend auf Fakten? Überzeugungen sind ein Teil unserer Identität und haben einen maßgeblichen Einfluss auf unseren Selbstwert. Die Worte „Du liegst falsch“ werden im Kopf schnell zu „Du bist nicht kompetent.“ Und wer sich in seinem Selbstwert angegriffen fühlt, verteidigt sich, anstatt zuzuhören.

Die Psychologie spricht hier von motiviertem Denken (motivated reasoning): Um unser Selbstbild zu schützen, wehren wir bedrohliche Informationen ab – wir zweifeln die Quelle an oder suchen neue Gegenargumente. Nicht, weil uns die Wahrheit egal ist, sondern, weil sie sich manchmal wie ein Angriff auf uns selbst anfühlt.

Also, stärke das Selbstwertgefühl deines Gegenübers, bevor du das heikle Thema ansprichst. Die Sozialpsychologie nennt das Selbstbestätigung (self-affirmation). Mach ein Kompliment, sprich Erfolge an – das muss mit dem eigentlichen Streitpunkt gar nichts zu tun haben. Was nach einem Wellness-Trick klingt, ist gut belegt. Studien zu politischen Falschinformationen zeigen: Selbstbestätigung verringert Fehlwahrnehmungen gerade bei denen, die am stärksten daran festhalten. Für das Gespräch mit deiner Freundin heißt das: Gib ihr zuerst die Sicherheit, dass sie als Person unabhängig von der Debatte geschätzt wird. Erkenne ehrlich an, was stimmt, zum Beispiel, dass sie sich ernsthaft um die Gesundheit ihrer Familie sorgt. Denn wer sich seines eigenen Werts sicher ist, muss eine unbequeme Information nicht mehr als Angriff abwehren und kann dir wirklich zuhören.

3. Überzeuge durch Werte, statt durch Wortschwall

Wenn du mit Impfgegner*innen diskutierst, werdet ihr oft verschiedene Werte haben. Aber auch hier lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Bombardierst du dein Gegenüber nur mit Informationen, wird das als Angriff auf die Persönlichkeit wahrgenommen. Finde Punkte, in denen ihr übereinstimmt. Baue von da aus eine Brücke zu den relevanten Informationen. Damit zeigst du, dass Impfungen und die Werte des Gegenübers kompatibel sind. So sind Informationen kein Angriff auf die Identität, sondern eine Erweiterung.

Was heißt das für uns im Alltag?

Beim nächsten Gespräch im Park lohnt es sich, den Reflex zum Fakten-Frontalangriff zu unterdrücken. Vertrauen aufzubauen ist oft wichtiger, als Recht zu haben. Wer sein Gegenüber zuerst als Person ernst nimmt und anerkennt – etwa das ehrliche Bemühen, sich für die Gesundheit der Mitmenschen zu interessieren –, senkt die innere Abwehr. Erst wenn sich niemand mehr verteidigen muss, haben Fakten überhaupt eine Chance, gehört zu werden.

Natalie Romanov, Moritz Weißenborn, Floris Hoffbauer und Ronja Roßberg sind Studierende des Studiengangs Philosophy, Politics and Economics an der HHU. Sie verfassten diesen Blogbeitrag zum Abschluss des Seminars „Vertrauen in die Wissenschaft (Fokus Impfungen)“, in dessen Rahmen sie sich unter anderem mit der Messbarkeit und Wahrnehmung von Vertrauen, Strategien gezielter Desinformationskampagnen sowie Resilienz gegenüber Falschinformationen auseinandergesetzt haben.

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