Kann man sich gegen Lügen impfen?

von Annabelle Kirstein, Helena, Antônio Telles de Mello und Georg Friedmann

„Impfungen sind gefährlich!“ oder „Impfungen verursachen Autismus!“

Solche Behauptungen schweben im Netz und verbreiten sich oft schneller als die Wahrheit. Vielleicht habt ihr auch schon gehört, dass das Immunsystem von Neugeborenen durch zu viele Impfstoffe schlichtweg „überlastet“ würde, eine Theorie, befeuert von Donald Trump. Gerade auf Social Media schwirren Begriffe wie „Impfdiktatur“ umher, oft unterstützt von Politiker*innen und selbsternannten Expert*innen. Demgegenüber stehen Gesetze, Studien und der wissenschaftliche Konsens.

© eigene Darstellung, erstellt mit Canva   

Wie sollt ihr in diesem Informationsdschungel entscheiden, was ihr glauben könnt? Es können schließlich nicht alle die Wahrheit sagen. Wäre es nicht hilfreich, wenn man in der Lage wäre, Manipulationen und Fake News sofort zu entlarven, bevor sie das Denken beeinflussen? Was wäre, wenn ihr euren Verstand gegen Lügen „impfen“ könntet?

Reicht Aufklärung allein?

Bei der Aufklärung über Impfungen verfolgte man lange Zeit eine Strategie, die sich stark am sogenannten Wissensdefizitsmodell (Knowledge Deficit Model) orientierte. Dieses Modell ist wichtig, um aktuelle Mängel in der Wissenschaftskommunikation nachvollziehen zu können. Dem Defizitmodell zufolge fehlt es Bürger*innen an wissenschaftlichem Wissen, das sie für rationale Entscheidungen benötigen. Die Lösung sei einfach: mehr Bildung. Denn wenn die Bürger*innen besser informiert sind, treffen sie auch bessere Entscheidungen und können Falschinformationen besser erkennen. Ein Beispiel für das Modell sind Faktenchecks, bei denen Expert*innen und Institutionen versuchen, Mythen zu einem bestimmten Thema aufzudecken.

Warum Faktenchecks nicht ausreichen

Expert*innen zeigen, dass Wissenschaftskepsis nicht allein auf ein mangelndes Verständnis von Informationen zurückzuführen ist. Vielmehr spielen weitere Faktoren eine Rolle dabei, wie Menschen Entscheidungen treffen.

Steht beispielsweise die Entscheidung an, sich selbst oder das eigene Kind impfen zu lassen, werden statistische Wahrscheinlichkeiten gegen das individuell wahrgenommene Risiko abgewogen. So können schwere Nebenwirkungen der Impfung XY statistisch sehr selten sein. Die Frage, ob der Impfstoff angesichts der individuellen gesundheitlichen Vorgeschichte unbedenklich ist, lässt sich dadurch jedoch nicht unmittelbar beantworten. Weicht eine auf der individuellen Risikoabwägung beruhende Entscheidung von der allgemeinen Gesundheitsempfehlung ab, kann es dazu kommen, dass Menschen als unwissend stigmatisiert werden.

Es wird deutlich, dass das Wissensdefizitmodell an dieser Stelle zu kurz greift: Sorgen lassen sich nicht allein durch zusätzliche Informationen beiseitelegen. Bürger*innen können dadurch den Eindruck gewinnen, mit ihren Bedenken nicht ernst genommen zu werden. Dies kann wiederum das Vertrauen schwächen, was für eine erfolgreiche Gesundheitskommunikation erforderlich ist.

Inoculation-Game: Level up your defenses!

Damit Faktenchecks funktionieren, sollte ein gewisses Vertrauen des Empfängers in den Absender vorhanden sein. Ansonsten passiert es schnell, dass Informationen nicht angenommen werden. Der aktuelle Trend in der Gesellschaft bewegt sich dahingehend, dass das Vertrauen in Institutionen und Expert*innen abnimmt. Eine Studie zeigt, dass sogenannte Inoculation-Games dazu beitragen können, die Widerstandsfähigkeit gegen Falschinformationen zu stärken. Dabei handelt es sich um einen innovativen Ansatz, der durch spielerische Elemente Nutzer*innen das frühzeitige Erkennen und kritische Hinterfragen von Manipulationsstrategien vermittelt. Sie sollen ansetzen, bevor Falschinformation sich festigen können. Ein Beispiel ist das Spiel „Bad Vaxx”.

Aufbau: verschiedene Abschnitte widmen sich folgenden Manipulationsstrategien: Anekdoten & emotionale Sprache, Missbrauch medizinischer Legitimität, Mythen & Verschwörungstheorien  

Dauer: 20 min.  

Schwierigkeitslevel: mittel 

Entwicklung: Wissenschaftler*innen von verschiedenen Universitäten u.A. der University of Cambridge

© eigene Darstellung, erstellt mit Canva   

Das Spiel kann sowohl aus der Perspektive von Impfgegner*innen als auch von Impfbefürworter*innen gespielt werden. Wenn du „Bad Vaxx” spielst, übernimmst du auf einer fiktiven Social-Media-Plattform die Auswahl von möglichen Posts und Reaktionen. „Bad Vaxx” stellt Spieler*innen verschiedene Methoden der Manipulation vor. Wenn du dich entscheidest die Position von Impfgegner*innen einzunehmen, ist es deine Aufgabe, die anderen User der Social-Media-Plattform durch persönliche Geschichten in emotionaler Sprache, den Missbrauch von medizinischer Legitimität oder Verschwörungstheorien zu beeinflussen. Wohingegen du als Impfbefürworter*in die Posts auswählen sollst, die faktenbasiert und überzeugend sind und somit den Impfgegener*innen am meisten schaden. Das Spiel ist kostenlos und ohne Anmeldung spielbar, also probiere es einfach aus! 

Annabelle Kirstein, Helena, Antônio Telles de Mello und Georg Friedmann sind Studierende der HHU. Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen des Aufbauseminars „Vertrauen in die Wissenschaft – Fokus Impfungen”. 

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