Künste&Kinderbuch – Das vertonte Bild. Im Gespräch mit Noëmi Krausz und Jonas Friedrich Leonhardi

von Nina Ryan Schingerlin

Wir kennen es alle noch aus der Schule: Das Lesen, auswendig Lernen und Vortragen von Gedichten, Balladen, Texten und Theaterstücken. Dem einen mag es leichtgefallen sein, andere taten sich schwerer. Aber wie Mathematik oder Rechtschreibung, gehören auch diese Übungen – nennen wir es kreatives Lernen – in jeden Schulunterricht. 

Aber erinnert ihr euch auch noch an die zahlreichen Illustrationen, die so manches Gedicht oder so manche Geschichte begleitet haben? Ob zuhause vor meinem Lieblings-Märchenbuch oder in der Schule – ich erinnere mich noch gut daran, wie mich so manches Mal die Bilder in ihren Bann zogen, mich mitnahmen in eine andere Welt, fernab des Alltags. Kein Wunder, dass diese Kunst für Kinder bereits einen langen Weg hinter sich hat. 

In diesem Beitrag möchte ich – Studierende des Masters Kunstvermittlung und Kulturmanagement der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Mit-Kuratorin der Ausstellung Kunst für Kinder. Illustrationen aus dem Umfeld der Kunstakademien in Düsseldorf und Dresden – jedoch die zahlreichen Texte in den Fokus rücken, die von Illustrationen zum Leben erweckt werden können – oder durch ein:e Vorleser*in! 

Ein jedes Kind hat Fantasie und so ist es vermutlich den meisten ohne weiteres möglich, sich in ein Bild zu vertiefen, bunte Farben und dynamische Linien vor seinem inneren Auge lebendig zu machen. Und genau wie bei den Bildern, bedarf es auch bei den Texten ein wenig Fantasie und vielleicht ein bisschen Gespür für Poesie, um sie greifbar und anschaulich – ja, zu einem lebendigen Bild zu machen. So spielen Text und Bild miteinander, bauen aufeinander auf und ergänzen sich gegenseitig. 
Doch was passiert mit Text und Bild, wenn noch eine Stimme hinzukommt, oder sogar zwei? 

Noëmi Krausz, Mitglied des Ensembles des Düsseldorfer Schauspielhauses und des Jungen Schauspiels und Jonas Friedrich Leonhardi, ebenfalls Teil des Ensembles des Düsseldorfer Schauspielhauses, haben für unsere Ausstellung einige Texte eingesprochen. Mit ihnen habe ich über ihre Eindrücke während der Tonaufnahmen, ihren Umgang mit den historischen Kinderbuchtexten und die Frage des Text-Bild-Tonverhältnisses gesprochen.

Die Tonaufnahmen

„[…] es hilft mir, manchmal noch ein paar Geräusche für mich selber einzubauen.“ (Jonas Friedrich Leonhardi)

Als ich während der Tonaufnahmen, die ich begleiten durfte, Noëmi und Jonas am Mikrofon beim Einsprechen beobachtete, wurde mir schnell klar: Hier bin ich die einzige ohne Vorerfahrung. Doch inwieweit konnten Noëmi und Jonas als Bühnendarsteller:innen bereits Erfahrungen im Tonstudio sammeln? Und wie haben sie die Aufnahmen zu unserer Ausstellung erfahren? 

Im ersten Jahr des Schauspielstudiums habe man Tonaufnahmen gemacht, damit die Dozierenden ein Gefühl für die Stimmen der Studierenden bekamen, so berichtet Noëmi. Zudem gehöre ein Hörspiel-Workshop dazu, bei dem das professionelle Einsprechen von Texten erlernt werde. „Das war sehr interessant, weil man gemerkt hat, wie anders man die Stimme einsetzen muss, wenn man in ein Aufnahmegerät spricht, das direkt filtert und zudem so viel näher ist als ein Publikum, das normalerweise circa 20 Meter von einem entfernt sitzt.“ (Noëmi Krausz). 
Jonas, der im Zuge seines Studiums den gleichen Workshop belegt hat, berichtet, dass er darüber hinaus hin und wieder Aufnahmen für Audio-Guides macht, die Betrachter*innen durch Ausstellungen führen. Zudem inszeniere auch das Düsseldorfer Schauspielhaus hin und wieder Stücke, die mit vorgefertigten Tonaufnahmen das reale Schauspiel ergänzen. 

Dennoch seien diese Art der Tonaufnahmen für beide eine neue Erfahrung gewesen, da ohne den visuellen Einsatz des Körpers eine Atmosphäre, eine bildhafte Situation, ein bestimmter Charakter rübergebracht werden musste.

Der Umgang mit historischen Kinderbuchtexten

„Stell´s dir bildhaft vor!“ (Jonas Friedrich Leonhardi)

Jonas und Noëmi haben bereits in ihrer Schulzeit erste Schauspiel-Praxis und mit teils historischen Theaterstücken gesammelt. Schließlich gingen beide – zeitversetzt – an die Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig, wo sie ihre schauspielerischen Kenntnisse über ein zweijähriges Theorie- und ein weiteres zweijähriges Praxisstudium professionalisierten. Wie ist ihnen, als gelernte Schauspieler*innen, der Zugang zu den historischen Kinderbuchtexten gelungen?

Diese Frage lässt sich natürlich nicht pauschal beantworten, schließlich haben wir es in unserer Ausstellung mit unterschiedlichen Textsorten von Gedichten, Dialogen hin zu Sach- texten zu tun. Doch so mancher Text fiel den beiden leichter als andere. Ein Beispiel ist das Kindertheater-Stück Die Mäuschen. Hier – so berichten Noëmi und Jonas – haben sie direkt den Impuls gespürt, sich in die Rollen der beiden Mäuschen Knipper und Knupper hineinzuversetzen. „Da mussten wir gar nicht so viel drüber reden. Das war direkt klar. Im Voraus haben wir uns ein bisschen abgesprochen, wie wir die Rollen unterschiedlich interpretieren können, damit es nicht so gleichförmig ist. Kaum hatten wir zwei unterschiedliche Charaktere, machte der Text auch viel mehr Spaß und alles weitere kam automatisch ins Rollen.“ (Jonas Friedrich Leonhardi).

Beide sind sich einig: Stellt man sich die Figuren bildhaft vor, versetzt man sich in die Stimmung, Atmosphäre oder die Situation, die beschrieben ist, so kommt alles andere von ganz allein. Man bekäme einen Zugang zum Inhalt und begreife dadurch auch die Geschichte ganz anders, als wenn man einen Text stumm für sich oder monoton laut vorliest – ein Tipp, den ich mir schon zu meinen Grundschulzeiten gewünscht hätte. 
Bei den Sachtexten hingegen habe man keine Emotion, die man nachempfinden kann. Stattdessen sei es hilfreich, sich zu verdeutlichen, was vermittelt werden soll. Auch die Frage nach den Rezipienten*innen – Kind oder Erwachsene*r? – helfe, einen Sachtext für sich greifbar und darüber ein wenig lebend zu machen.

Das Text-Bild-Ton-Verhältnis

„Man bekommt schon eine vorgefertigte Vorstellung des Textes.“ (Noëmi Krausz)

Das klassische, reine Bilderbuch enthält Bilder, zu denen sich die Betrachtenden ihre eigene Geschichte ausdenken können. Ein Löwe auf der Jagd? Oder ein Lehrer, der seinen Schülern und Schülerinnen Zeichnen unterrichtet? Zwar gibt das Dargestellte einen gewissen Rahmen, der Fantasie setzt es jedoch keine Grenzen. Kommt ein begleitender Text hinzu, so wird dieser Rahmen ein wenig enger. 
Steht ein Text alleine, so ist zwar die Geschichte vorgegeben, das individuelle Bild, das sich vor dem geistigen Auge formt, ist jedoch wiederum der Fantasie überlassen.Doch was passiert, wenn ein Text – ob in Begleitung eines Bildes oder nicht – vertont ist? 

Mein allererster Eindruck, als ich die Texte, die ich bisher nur auf dem Papier kannte, zum ersten Mal im Tonstudio gehört habe, war: Der Text wird lebendig. Die Figuren erwachen zum Leben, werden greifbar, regen die Fantasie an, sich die Mäuschen, die Schwalben, den Löwen und den Bildermann vorzustellen. Es ist nicht mehr ein schwarzer Text auf weißem Grund, sondern zu mir spricht ein Tier oder eine Figur und berichtet aus dem eigenen Leben.
Doch die Vorstellung, die sich nun in der eigenen Fantasie ausweitet, ist durch die subjektive Vertonung der Schauspieler*innen eine vorgefertigte, wie Noëmi bemerkte. Dies muss kein Nachteil sein, im Gegenteil. Sie leitet die Zuhörenden durch den Text und erlaubt ihnen vermutlich einen emotionaleren Zugang als ein geschriebener Text. Im Idealfall, so sagt Jonas, sei es ihnen gelungen, die historischen Texte, die in ihrer Sprache auf die Lesenden von heute etwas altertümlich und‚verstaubt‘ wirken, über die Stimmen lebendig und greifbar zu machen und so den Zugang dazu zum Inhalt erleichtert.

Ob und wie ein jeder Mensch einen Zugang zu historischen Kinderbüchern findet, bleibt am Ende natürlich jedem selbst überlassen: Sind es die Bilder, die mich in den Bann ziehen? Sind es die Texte, in die ich mich gerne vertiefe? Oder genieße ich die Audioaufnahmen, die mir dabei helfen, die Figuren lebhaft vor meinem inneren Auge zu sehen? 

Ein paar Gedanken zu diesen Fragen teilten Noëmi Krausz und Jonas Friedrich Leonhardi mit uns. Ich bedanke mich an dieser Stelle noch einmal für das Ergebnis großartiger Tonaufnahmen und ein wunderbares und bereicherndes Gespräch mit den beiden und hoffe, dass wir euch den Zugang zu der Ausstellung mit diesem Beitrag noch ein wenig ‚bildhafter‘ machen konnten.

Noëmi und Jonas sprachen für uns folgende Texte ein: 

– aus: ABC-Buch für kleine und große Kinder gezeichnet von Dresdener Künstlern. Mit Erzählungen und Liedern von Robert Reinick und Singweisen von Ferdinand Hiller, Leipzig 1845:
Bilderbude
Zum Titelblatt
– aus: Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, Die Kinder-Schaubühne, Dresden 1864
Vorwort
Die Schwalben
Die Mäuschen
– aus: Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, Kinder-Comödien, hg. v. Vincent von Zuccalmaglio, Neuss 1870
Die Schwalbe und die Nachtigall
– aus: Johann Baptist Sonderland, Das Goldene ABC, Düsseldorf 1849
Citrone (Sachtext)
Citrone (Gedicht)
– aus: Bildersammlung aus dem Leben der Thiere, Düsseldorf 1842
Der Löwe (Ausschnitt)
–aus: Robert Reinick’s Märchen-, Lieder- und Geschichtenbuch, Bielefeld/Leipzig 1896
Der Mutter vorzusingen

Vom 28.6. bis zum 31.12.2021 konntet ihr unsere Ausstellung Kunst für Kinder. Illustrationen aus dem Umfeld der Kunstakademien in Düsseldorf und Dresden online betrachten – und hören! Bis Dezember 2021 veröffentlichten wir mit Hilfe der Bürgeruniversität das digitale Begleitprogramm mit Bildern, Blogeinträgen und Podcasts zur Ausstellungsentstehung und einzelnen Themenbereichen.

Kontakt kunstfuerkinder@hhu.de

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