Welches Bild übermitteln uns die sozialen Medien? Wie hängt das mit der AfD zusammen und was sagen uns die tatsächlichen Zahlen?
von Oliver Jahnecke, Lea-Marie Weitz, Sofia Alex, Jonas Schurig, Olivia Schiebel
Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass wir unseren Alltag meistern können. Beispielsweise vertrauen wir anderen Menschen im Straßenverkehr, dass sie sich auch an die Regeln halten oder wir vertrauen beim Einkaufen den Bio-Siegeln auf den Bio-Produkten. Es ist schlichtweg unmöglich, alles zu hinterfragen und zu verstehen. Nichtsdestotrotz dürfen wir Vertrauen nicht mit Leichtsinn verwechseln. So liegt die Verantwortung dafür, wem wir vertrauen, letztendlich bei uns.
Gerade in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Bevölkerung spielt Vertrauen eine besondere Rolle. Wenn wir wissenschaftlichen Erkenntnissen glauben, vertrauen wir einer ganzen Reihe an Personen und Institutionen. Ein gutes Beispiel ist die Klimawissenschaft: Sie ist hochkomplex, stark interdisziplinär und politisch wie gesellschaftlich hoch relevant. Ihre Erkenntnisse bilden oft die Grundlage für politische Entscheidungen und kollektives Handeln. Vertrauen ist eine Voraussetzung für evidenzbasierte Politik.

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Vertrauenskrise auf Social Media
Nicht jeder vertraut in die Klimawissenschaften. Wahrscheinlich ist fast jedem von euch schon mal ein wissenschafts-skeptisches Video in den Algorithmus gespült worden.
Besonders die Kommentare unter TikToks, in denen sich Klimaexpert*innen äußern, geben ein Bild darüber ab, wie Misstrauen sich zeigt: „Wissenschaftlerin in was“, „ich traue den sogenannten Experten 0,0“, „ohje im Auftrag der Bundesregierung“ oder „Das Motiv? Mh Kohle“. Nehmen wir das Video, unter dem diese Kommentare zu finden waren, genauer unter die Lupe.
Maja Göpel, Politikökonomin, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin und mehrfach ausgezeichnet für ihre wissenschaftliche Arbeit, spricht in einer Fernsehshow im rbb darüber, dass man Naturwissenschaften ernst nehmen soll und hinterfragt die negativen Motive, die ihr als Wissenschaftlerin von ihrem Interviewpartner unterstellt werden.
Die Kommentare zeigen, wie ein Großteil der Menschen ihren Aussagen gegenübersteht. Auch wenn einige positive Kommentare zu lesen sind, so sind doch die negativen Stimmen am lautesten, da auf die Negativkommentare die meisten Antworten geschrieben werden. Maja Göpels Motive werden hinterfragt, ihre Arbeit als Wissenschaftlerin und ihre Forschung gleichermaßen. Dieses Video ist kein Einzelfall. Zahlreiche Videos mit vielen Likes, Kommentaren und Views, die sich misstrauisch gegenüber der Klimawissenschaft zeigen, lassen sich in den sozialen Medien finden.
Misstrauen von AfD-Wähler*innen
Besonders in rechten Kreisen finden klima-kritische Videos großen Anklang. Interessanterweise zeigte das Wissenschaftsbarometer 2024, dass unter AfD-Wählerinnen und -Wählern besonders wenig Vertrauen in die Klimaforschung besteht: Nur etwa 15 % von ihnen glauben den Aussagen zum menschengemachten Klimawandel. Und das, obwohl 41 % von ihnen trotzdem auf die Forschung zu erneuerbaren Energien vertraut. Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass die Messung von Vertrauen in die Klimawissenschaft nicht nur eine Frage von Fakten oder Empirie ist, sondern tief in politische und ideologische Milieus eingebettet ist. Das Misstrauen gegenüber der Forschung scheint somit Teil eines größeren Musters politischer Skepsis bei dieser Wählergruppe zu sein. Damit wird das Vertrauen nicht nur als allgemeine gesellschaftliche Größe, sondern als Spiegel politischer Spaltungen messbar, was bei der Kommunikation von Klimawissenschaft eine zentrale Herausforderung darstellt (für alle, die der Einfluss politischer Polarisierung auf das Vertrauen in die Klimawissenschaft interessiert, lest gern diesen Blogbeitrag).
Korrelation zwischen hohem Bildungsniveau und Vertrauen in die Wissenschaft
Auch wenn populistische Kommunikation das Bild erzeugt, dass es einen Vertrauensverlust in die Wissenschaft gibt, so lässt sich durch Umfragen feststellen, dass viele Menschen der Wissenschaft durchaus vertrauen. Dies zeigt auch das Wissenschaftsbarometer von 2025. Das Wissenschaftsbarometer ist eine seit 2014 jährlich durchgeführte, repräsentative Umfrage von Wissenschaft im Dialog (WiD), bei der jeweils rund 1.000 Personen ab 14 Jahren telefonisch befragt werden.

Abbildung 1. Quelle: Wissenschaftsbarometer 2025
Schauen wir uns zum Beispiel Abbildung 1 an, sehen wir das generelle Vertrauen in Wissenschaft und Forschung von 2017 bis 2025. Es fällt auf, dass das Vertrauen in die Wissenschaft zu Zeiten der Pandemie besonders hoch war. Die Grafik zeigt allerdings auch, dass das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und Forschung sich immer um einen Wert von 10 % bewegt.

Abbildung 2. Quelle: Wissenschaftsbarometer 2025
Abbildung 2 geht auf die Korrelation zwischen Bildungsniveau und Vertrauen in die Wissenschaft ein. Hier zeigt sich, dass ein höheres Bildungsniveau zu deutlich mehr Vertrauen in Wissenschaft und Forschung führt. Beispielsweise hatten im Jahr 2020 – das erste Jahr der Pandemie – 80 % der Befragten mit einem formal hohen Bildungsniveau ein hohes bis sehr hohes Vertrauen in Forschung und Wissenschaft, während bei den Befragten mit einem formal niedrigen Bildungsniveau nur 37 % ein hohes bis sehr hohes Vertrauen hatten.
Einfluss lauter Minderheiten
Auch wenn sich zeigt, dass das Vertrauen in die Wissenschaft insgesamt stabil ist, darf ein zentraler Aspekt nicht unterschätzt werden: Minderheiten besitzen eine erhebliche gesellschaftliche Gestaltungsmacht. Sozialwissenschaftliche Studien legen nahe, dass bereits etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausreichen können, um einen Wandel anzustoßen. Voraussetzung ist, dass diese Gruppe geschlossen, sichtbar und konsequent auftritt. Genau dieses Prinzip erklärt, warum wissenschaftsskeptische Positionen im öffentlichen Diskurs häufig präsenter wirken, als sie statistisch sind.
Insbesondere soziale Medien verstärken diesen Effekt. Lautstärke, Zuspitzung und emotionale Botschaften erhalten dort überproportional viel Aufmerksamkeit. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, Misstrauen gegenüber der Klimawissenschaft sei weiter verbreitet als Umfragen nahelegen. Vertrauen wird in solchen Räumen weniger durch wissenschaftliche Evidenz erzeugt als durch Wiederholung, Gruppenzugehörigkeit und klare Feindbilder.
Diese Dynamik ist jedoch nicht ausschließlich problematisch, sondern birgt auch Potenzial. Denn dieselben Mechanismen gelten ebenso für wissenschaftsbasierte, konstruktive Positionen. Eine engagierte Minderheit, die Forschung verständlich kommuniziert, transparent auftritt und Vertrauen aktiv vorlebt, kann langfristig gesellschaftliche Normen verschieben. Entscheidend ist somit nicht allein, wie viele Menschen einer Position zustimmen, sondern wer bereit ist, Verantwortung im öffentlichen Diskurs zu übernehmen und ihn kontinuierlich mitzugestalten.
Du möchtest dich noch weiter in das Thema einlesen? Hier findest du die wichtigsten Links und Quellen aus unserem Blog:
Das Wissenschaftsbarometer aus dem Jahr 2024: https://wissenschaft-im-dialog.de/documents/332/2024_Wissenschaftsbarometer_Broschuere_web.pdf
Das Wissenschaftsbarometer aus dem Jahr 2025: https://wissenschaft-im-dialog.de/documents/473/Brosch%C3%BCre_Wissenschaftsbarometer2025.pdf
Studie zum Vertrauen in die Wissenschaft mit Daten über 68 Länder: Cologna, V., Mede, N.G., Berger, S. et al. Trust in scientists and their role in society across 68 countries. Nat Hum Behav 9, 713–730 (2025). https://www.nature.com/articles/s41562-024-02090-5
Lea-Marie Weitz, Oliver Jahnecke, Sofia Alex, Jonas Schurig und Olivia Schiebel sind Teilnehmer*innen des Seminars “Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken (Fokus Klimawissenschaften)”, geleitet von Julia Mirkin, und haben sich mit dem Thema des Blogeintrags im Rahmen des Seminars auseinandergesetzt.