Vertrauen schöpfen statt verzweifeln – Wissenschaft beurteilen als Nicht-Expert*in

von Clara Ackermann, Franziska Aubert, Elmar Götz-Meyn, Lasse Jebavy, Carlotta Schabel, Lina Schirmer & Chiara Tappen

Zwei Tweets. Zwei Stimmen zum Klima. Und vermutlich würdest Du – genau wie wir – in den ersten Sekunden instinktiv wissen, wem Du „mehr“ glauben willst.

Tweet eins: ein Mann mit Doktortitel, ein Satz wie ein Urteil, tausende Likes und Kommentare. Er wirkt nicht nur überzeugend – er fühlt sich überzeugend an. Fast automatisch denkt man: Wenn so viele zustimmen und der Absender so kompetent aussieht, dann wird’s schon stimmen. Der zweite Tweet ist leiser. Eine junge Frau ohne Titel, weniger Reichweite und ein vorsichtiger Ton. Nicht viral. Nicht glamourös.

Und genau hier liegt das Problem: Wir verwechseln schnell Kompetenz-Signale mit fundierter Erkenntnis. Titel, Auftreten, Selbstsicherheit und Reichweite funktionieren auf Social Media hervorragend, während wissenschaftliche Qualität dagegen oft sperrig und voller Abwägungen ist. Das heißt nicht: „Trau der Wissenschaft nicht.“ Aber ein Doktortitel ist kein Allzweck-Siegel: Ein Doktor der Kunstgeschichte kann klug sein – macht ihn das automatisch kompetent fürs Klima?

Die Frage ist also: Wenn Du nur diese beiden Posts siehst – woran würdest Du merken, ob Dein Vertrauen auf Fakten basiert oder nur auf Wirkung?

Von der Philosophin Elizabeth Anderson stammen die folgenden Hinweise, wie sich die Integrität und wissenschaftliche Kompetenz der Expert*innen von Laien bewerten lässt. Sie nennt noch weitere Aspekte, die bei Interesse unter dem Link nachgelesen werden können.

Erkennen von Expert*innen

Expertise erkennen, bedeutet vor allem zu prüfen, ob eine Person überhaupt fachliche Nähe zum Thema hat. Ein Doktortitel kann zu der Annahme verleiten, dass die Person über herausragendes Wissen verfügt.  Daher sollte man sich immer vergewissern, dass sich eine Person mit ihren Aussagen nicht außerhalb ihres Fachgebiets bewegt.

Ein starkes Indiz für Expertise ist auch die Wahrnehmung durch die Fachgemeinschaft. Wie oft wird die Person zitiert? Welche Rolle füllt sie in ihrer Institution aus? Für Nicht-Expert*innen gilt daher: Je enger Ausbildung, Forschung und Anerkennung einer Person mit dem konkreten Thema verbunden sind, desto größer ist ihr Expert*innenstatus.

Ehrlichkeit beurteilen

Das ist keine Frage der Sympathie, sondern der Seriosität im Umgang mit Informationen. Woher stammt das „Wissen”, gibt es Quellennachweise? Ein echtes Warnsignal ist ein Interessenskonflikt, etwa wenn Expert*innen von Unternehmen finanziert werden oder ein persönliches Interesse an einem bestimmten Ergebnis haben.

Zudem ist es ratsam, auf das diskursive Verhalten zu achten. Werden Daten und Zitate aus dem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, um ausschließlich die eigene Position zu stützen (Cherry Picking)? Wie ist der Umgang mit der Gegenposition? Werden Argumente korrekt wiedergegeben und entkräftet oder vereinfacht, verkürzt und insgesamt unseriös dargestellt?

Epistemische Verantwortung

Epistemische Verantwortung bedeutet zu prüfen, ob eine Person ihre wissenschaftlichen Behauptungen auf nachvollziehbare und überprüfbare Weise vertritt und auf fachliche Einwände und Widerlegungen rational reagiert.

Ein wichtiges Warnsignal ist ein fehlender Begutachtungsprozess durch Fachkolleg*innen. Erkennbar ist dies beispielsweise daran, dass Forschende ihre Daten oder Methoden ohne triftigen Grund nicht öffentlich zur Verfügung stellen.

Auch ist es problematisch, wenn Wissenschaftler*innen auf Kritik nicht eingehen, sondern widerlegte Aussagen oder Theorien einfach wiederholen. Beide Punkte sind Indizien, dass nicht angemessen mit Belegen, Kritik und wissenschaftlichen Standards umgegangen wird.

Beurteilt werden kann dies allerdings nur in den Bereichen, in denen man selbst über genügend Wissen verfügt. Für Nicht-Expert*innen ist es daher wichtiger zu beobachten, ob jemand angemessen auf Kritik reagiert oder ob Einwände ignoriert oder diese gar nicht erst zugelassen werden.

So und jetzt noch einmal zusammengefasst:

Das Beispiel der zwei Tweets zeigt, wie leicht Vertrauen in wissenschaftliche Aussagen durch äußere Signale wie Titel, selbstbewusstes Auftreten und Reichweite beeinflusst wird. Gerade auf Social Media droht schnell die Gefahr, die Wirkung mit Wissen zu verwechseln. Für Nicht-Expert*innen bedeutet verantwortungsvolles Vertrauen nicht, jede Aussage selbst fachlich zu prüfen, sondern darauf zu achten, wer spricht, wie argumentiert wird und wie mit Kritik umgegangen wird. Wissenschaftliches Vertrauen entsteht nicht durch Autorität oder Lautstärke, sondern durch fachliche Nähe, Transparenz, Ehrlichkeit und die Bereitschaft zum offenen Diskurs.

Abschließend unsere Tipps:

  1. Titel ≠ Expertise: Ist die Person im Fachgebiet ausgebildet und anerkannt?
  2. Wirkung ≠ Wissen: Ist der Aufbau der Argumente nachvollziehbar? Gehen die Autor*innen auch auf Gegenargumente ein und entkräftet diese? Reagieren die Autor*innen argumentativ oder ausweichend auf Kritik?
  3. Cherry Picking – einzelne Zahlen ohne Kontext: Werden Daten strategisch so genutzt, um nur die eigene Position zu stützen?
  4. Peer-Review: Werden Daten ohne Grund nicht geprüft und/oder zurückgehalten?
  5. Interessenskonflikte: Werden die Autor*innen z.B. von einem Unternehmen finanziert? Und haben sie somit möglicherweise ein Interesse, eine Position hervorzuheben?

Wichtig ist die Frage: Vertraue ich den Fakten oder nur der Wirkung? 

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Seminars ,,Vertrauen in die Wissenschaft – verstehen, kommunizieren, stärken” entstanden. Einen interessanten Beitrag, der an diese Thematik anknüpft, findet ihr unter folgendem Link: https://buergeruni.hhu-blog.de/index.php/2026/03/09/vertrauen-oder-misstrauen-wir-der-klimawissenschaft/

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